Buch Messe Memos

0.

Wie wäre es möglich, auf eine Teilnahme an dieser Begegnung mit der Welt der Veröffentlicher und Veröffentlichungen zu verzichten, ihr, aus welchen Gründen auch immer, fern bleiben zu können. So sei zumindest an diesem Tag eine Reihe von Memos zusammengetragen, die sich seit dem ersten Messetag vom Mittwoch, den 8. Oktober 2014 angesammelt haben.

Sicherlich in dieser Länge schon fast nicht mehr kommensurabel, aber wenn einem das Herz übergeht... die Buchmesse ist und bleibt eine jener Veranstaltungen, in der ein jeder Mann und eine jede Frau eine besondere Persönlichkeit ist, und das nicht nur, weil sie sich als solche zu Inszenieren gelernt hat, sondern weil das, was sie zu sagen und zu zeigen, zu organisieren und zu bewegen hat immer von dem Willen geprägt ist, etwas mit-teilen zu wollen.

The Frankfurt Book Fair: A shared space of sheere wisdom and wishful thinking, of exceptional efforts and a permanent struggle for mutual understanding.

1.

Di Lorenzo: Vom Aufstieg und anderen Niederlagen. [1] Neu bei: Kiepenheuer & Witsch.

Gleich dreimal wurde diese Buch auf unterschiedlichen Bühnen am 7. Oktober vorgestellt - und der Interviewer interviewt. Und das bleibt, über den Moment dieser Gespräche hinaus, in Erinnerung:

Es gab Momente, auf die man sich so lange vorbereitet habe, als nur irgend möglich, und die sich dann dennoch nicht erfüllen: die Begegnung mit Fidel Alejandro Castro Ruz zum Beispiel, auf die Giovanni di Lorenzo über Jahre hingearbeitet habe. Und dann, als der Moment der Abreise nach Kuba kurz bevorsteht, ist er so arg von einem Pfeifferschen Drüsenfieber getroffen, dass er nicht einmal mehr transportfähig, geschweige den reisefähig gewesen wäre.

Dieser Band mit seinen eigenen Interviews sei so etwas wie sein "Lebenswerk", so wie dies Iris Radisch anerkennend feststellte, während sie mit der reizvollen wie schwierigen Aufgabe konfrontiert war, ihren Chef auf der Bühne des eigenen Hauses im Gespräch dem Publikum vorzustellen.

Ob er jemals einen wirklich guten Freund zum Ziel seiner Fragen ausgewählt habe, fragt sie ihn - und er weiss darauf letztendlich nur mit einem "Nein" zu antworten. Und das war/ist auch vielleicht auch ganz gut so, sei es doch sein Interesse, diesen Personen immer noch ein ganz besonderes Geheimnis zu entlocken, das ihnen innewohne.

An allen drei Ständen, dem "eigenen" der ZEIT, dem der FRANKFURTER ALLGEMEINE und dem der ARD, ist er nicht Willens preiszugeben, welches noch DIE Persönlichkeit sei, die er noch "zu haben" gedächte - er, der "sie doch eh’ alle bekommt"... stattdessen gibt er unumwunden zu, wen er vergeblich versucht habe, "zu bekommen": Joseph Aloisius Ratzinger.

Es ist wirklich interessant, vielleicht sogar ein wenige befremdend, warum ihm so viel Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Weil er, der vor so vielem Angst habe, vor Menschen keine solche Angst habe? Und weil das Andere freier mache, auf ihn zuzugehen? Oder weil seine Zuhörer und potenzielle Leser hoffen, über ihn wie durch einen mentalen Gatekeeper auch ein wenig von der Aura der wirklich Prominenten abzubekommen? Von all Jenen, der er seit den frühen zwanziger Jahren zu befragen begonnen hatte?

Was bleibt, ist der Eindruck, dass hinter dem Versuch, sich ein Geheimnis von einer befragten Person mit-teilen zu lassen, ein ganz gegenteiliges Bemühen steht, das diese Arbeit als Journalist ganz und gar entgegen steht: der Wunsch, mit jemandem ein Geheimnis teilen und mit dieser Person darüber dann gemeinsam schweigen zu können.

2.

Aber anstatt ihn daraufhin anzusprechen, obwohl er mit einem freundlichen Zunicken dieses nahelegt, kommt es zu gleich mehreren Ansprachen durch Andere, die sie ebenfalls im Publikum eingefunden hatten [2].

Ihr Interesse, so unterschiedlich die Charaktere und Lebensgeschichten dieser Personen auch sein mögen, bezieht sich aber immer wieder auf die am 19. September 2014 (halb-)öffentlich gestellten Frage nach den Werten in der Digitalen Welt.

Das ist über das persönliche Engagement hinaus von Bedeutung, da das Thema der digitalen Produktion und Diitribution inzwischen auch auf Messen wie dieser voll angekommen angekommen ist. So wie es auch in diesem Jahr erneut unter dem Trigger "HOT SPOTS" weiter ausgeleuchtet und umgedeutet wird in der DIGITAL ZONE OF THE FRANKFURT BOOK FAIR".

Anstatt all dieser Veranstaltungen wurden ein Reihe der grossen deutschen Verlage aufgesucht und danach befragt, ob und inwieweit das Thema der Digitalisierung Einfluss nehmen würde auf das zukünftige Buchangebot. Klar, so allenthalben die Antwort, natürlich würde dieses Thema in dem Kanon der eigenen Publikationen einen immer grösseren Raum einnehmen.

Auf die Frage aber, wie denn noch konkret die "im Netz" bekanntgemachten Beiträge wieder in die des Print zurückverwandelt werden, herrschte allzu oft betretenes Schweigen, viel Unsicherheit, Namen aus dem Lektorat des eigenen Hauses konnten zumeist nicht genannt werden.

Vielleicht ist das ja ein Thema, dass sich die Leizpziger über das JETZT hinaus für die nächsten Jahre auf ihre Fahnen schreiben könnten?

3.

Am Freitag treten die Auguren gegen die Daten-Beraubung auf.

Erst bei ECON mit dem Titel von der "Digitalen Diktatur" [3] über den Co-Autor Thomas Ammann berichtet, und dann Stefan Aust im Gespräch mit dem Deutschland-Radio-Redakteur Christian Rabhansl.

Und dann bei Hoffmann und Campe mit Jaron Laniers Frage: "Wem gehört die Zukunft", zunächst auf dem Stand des Verlages und sodann auf dem blauen Sofa.

Amman und Aust machen - jeder auf seine Weise - deutlich, dass sie sich in der Verpflichtung sehen, dieses Buch schreiben zu müssen. Nicht weil sie der Meinung wären, dass es Dienste wie den des Nachrichtendienstes überhaupt nicht geben dürfe, sondern weil sie der Meinung sind, dass sich dieser nicht zum Dienstleister für die US-amerikanischen Agenturen und Behörden machen dürfe, dass man das Lügen und sich Wegducken aufzugeben hätte. Und dass es deren Problem sei, dass sie mit dem vielen Material, das sie anhäufen würden, nicht in der Lage wären, die richtigen Schlüssel zu ziehen.

4.

Jaron Lanier spricht am Freitag auf dem blauen Sofa von einem "informellen wirtschaftlichen Vorteil" einer "teilhabenden Gesellschaft" der jenen und nur jenen zuteil werde, die sich "in der Nähe der Riesencomputer" aufhielten.

Seine Idee: Wir müssen zurück in die Zeit, bevor es das Internet gab, wo das Gebot der Teilhabe zu einer neuen Form einer sich emanzipierenden Mittelschicht geführt habe.

Er sagt: Die, die das System einmal gebaut haben, werden heute mit den Folgen einer Entwicklung konfrontiert, die sich heute gegen sie wendet.

Nein, nicht das neue iPhone von Apple sei die Zukunft, sondern es gehe um Fragen wie die nach jenen Computeren, denen eine gottähnliche Funktionen und "Qualitäten" zugewiesen werde. Jaron: "Ich liebe das Silicon Valley, aber die Subkultur von einst ist heute ein grosses Geschäft geworden." "Dort lebt auch heute noch die netteste Elite, die es je gegeben hat. Auch wenn sie nicht mögen, was ich über sie heute zu sagen habe."

"Trotz des Unsterblichkeitsprojektes von Google ist sein Schöpfer sterblich."

"Für mich persönlich ist Google ganz und gar gefährlich. Aber die Leute bei Google sind nett. Ich mag die Leute. Viele von ihnen kommen aus Deutschland."

"Heute ist man so voller Daten, dass man das eigentlich Wichtige übersieht."

"Ich liebe Bücher, und nicht deshalb, weil sie aus Papier sind, sondern weil sie ein physischer Ausdruck eines physischen Wesens sind. Dadurch werde die Zentralität des menschlichen Wesens zum Ausdruck gebracht.

Die Enzyklopädien... Bedeutung, Werte, Respekt... das alles könne nur von Menschen kommen. Heute dagegen wähle der Algorithmus aus, was man lesen solle und mit wem man Sex haben wird...

5.

Um 13:30 Uhr dann die Teilnahme an dem Seminar: "Unabhängig veröffentlichen mit Kindle Direct Publishing und Create Space". Auf dieser Veranstaltung wird zunächst die Nutzung der Seite https://kdp.amazon.com/ vorgeführt.

Es wird exemplarisch online vorgeführt, wie ein solche Buch angemeldet und hochgeladen werden wird. Egal, ob es sich dabei um eine Word-Datei handelt oder um eine html-Datei. Theoretisch gingen auch eine Datei im PDF-Format, aber damit würde das Alles an wenigsten gut funktionieren.
Gut funktionieren dagegen würde der eingebaute "CoverCreator", der bei der eigenen Umschlaggestaltung helfen würde. Und der sogenannte "Previewer". Und eine Rechteverteilung der digitalen Rechte sei möglich. Einmal aktiviert, könne sie aber nicht wieder deaktiviert werden.

Es ist durchaus interessant diese Prozess einmal exemplarisch mitverfolgen zu können. Zumal aus dem Publikum eine Reihe von Nutzerfragen kommen die zeigen, dass dort Leute sitzen, die mit diesem System bereits ihre Erfahrungen gemacht haben - und offensichtlich nicht immer nur gute.

Aber darin ist man sich mit den beiden Vorturnern dieses Tages, einem Verlagsmitarbeiter und einem "PowerUser" die das Ganze vorführen, einig:
Vieles sei gut, aber ebenso vieles könne auch noch verbessert werden: Etwa wenn es darum gehe festzulegen, welche zwei Kategorien diesem Buch zuzuordnen sind, damit es anschliessend besser gefunden werden könne - und welche, bis zu sieben, Schlagworte.

Alles schön und gut, so der Einwand aus dem Publikum. Ihr Versuch, so die Autorin, sich mit dem Suchwort "Sylt" eine spezifische Zugangsorientierung zu verschaffen, sei gescheitert. Auch dann, nachdem sie dafür auf die diversen dafür eingerichteten Online- und Hotline-Dienste zurückgegriffen habe.

Es wird deutlich, dass Vieles als Feature ausgedacht aber dann doch so Manches davon nicht richtig zu Ende gedacht worden ist. So wird zum Beispiel immer wieder gerne darauf verwiesen, dass der Autor hier alle tun und auch wieder Ändern könne. Auf die Frage, ob dann auch der potenzielle Leser sähe, welche Version dieses Buches er denn dann auch gekauft haben würde, bleiben die Promoter letztendlich eine Antwort schuldig. Auf einem Kindle Konto könnten zwar die jeweils neuen Versionen verzeichnet werden, dieses sei aber nicht für den Leser sichtbar.

Ja, ja, es gibt viele hilfreiche und nützliche Informationen, so etwa die, dass sich Bücher in deutscher Sprache vor allem auch in den USA, in Spanien und Italien gut verkaufen liessen. Oder dass man bei der Preisgestaltung zwar frei sei, der Verkauf im Apple-Store aber voraussetze, dass die Preise immer mit einem Centbetrag von x.49 oder x.99 zu enden habe. Es wird in die besonderen Amazon Angebot wie "KDP-Select eingeführt und danach nochmals das "CreateSpace"-Programm als inhouse-Alternative vorgeführt.

Und schlesslich lernen wir sogar, wie man das eigene Buch zunächst zu einem sehr günstigen Preis für sich selber erwerben könne, bevor man es dann zu einem "offiziellen Marktpreis" unters Vok zu bringen versucht.
Wir werden darauf hingewiesen, dass nicht nur die eigenen Personen-Daten und die Kontonummer anzugeben seien, sondern auch ein amerikanisches Steuerformular auszufüllen sei (darin muss man insbesondere angeben, dass man Deutscher sei und nicht in den USA lebe).

"Bücher", so lernen wir, müssen mindestens 52 Seiten haben. Und wenn man möchte, dass das Werk auch einen Rücken bekommt, auf dem man den Titel anbringen kann, dann sollte es mindestens 100 Seiten stark sein - und in Leipzig gefertigt, da man sich doch dort eher an den deutschen Standards orientieren werde.

Um dann über die Fragen der Vermarktung zu sprechen, war dann keine Zeit mehr. Nur so viel war auf die Schnelle zu erfahren, zusammengefasst in diesem Leitsatz: "Je besser sich das Buch verkauft, desto mehr hilft Ihnen Amazon, ihr Buch zu verkaufen."

PS.

Mit diesen wenigen Memos ist aber noch lange nicht alles erzählt, vor allem jene Dinge und Ereignisse nicht, die die wirkliche Freunde an dem Besuch dieser Veranstaltung ausmachen.

Denn bei aller Hektik und Geschäftigkeit und trotz der langen Wege und heftigen Drängelszenen, immer bleibt die Neugier nach etwas so nicht erwarteten, nach unerwarteten und dennoch nicht unwillkommenen Elementen der Begegnung mit Anderen - und mit sich selbst.

Dazu gehörten auch die Begegnung mit einem Schamanen, einer Numerologin, und einer Schriftgelehrten - mit einer Gruppe von gleich drei Kriminalautorinnen und einem C-level-coach, der gerade bei Amazon sein erstes Buch veröffentlicht hatte. Und die Wiederbegegnung mit eben diesem Rechner, auf dem diese Texte fortwährend entstehen, und der an der Seitenwand der Azubi-Bar versehentlich stehengelassen wurde...

So hat man an diesen Tagen Glück gehabt und das Glück der anderen verspüren können, sich als die glücklichen Verfasser Ihrer Weltsichten präsentieren zu dürfen.

Oh happy day!

[1Was für ein seltsamer, verspielt tiefgründiger Titel. _ Er steht in Harmonie mit der Ankündigung eines Konzertes im Grünen Salon am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin, das an diesem Freitag "Dank" Buchmesse nicht besucht werden kann. Dort singen und spielen Corinne Douarre (Gesang, Autoharp, Flügel) und Dirk Homuth (Gitarren) an diesem Abend, dem sie den folgenden Titel gegeben haben: "Silences und andere Lieder".

[2... auch wenn die Namen dieser Personen, die alle auch in der Wikipedia zu finden sind - hier nicht der Öffentlichkeit preisgegeben werden sollen.

[3Der Titel, so heisst es auf Nachfrage, den Titel, das habe der Verlag gemacht...