Text zum Ersten Mai 2015

1.

Im Zug sitzen am Tisch gegenüber drei Leute. Und reden davon, dass sie sich in Leipzig zu Ihrem Parteisekretär begeben wollen, damit er ihnen dann eine rote Nelke überreichen könne. Und der Zweite sagt: Was er denn bitte zu arbeiten habe, am „Tag der Arbeit“. Und der Dritte telefoniert und rät seinem Gesprächspartner, dass er bei seinen Verhandlungen um den neuen Job nicht Brutto mit Netto vergleichen könne. Und unterstreicht das mit dem Satz „Wenn Du mit den Zwölftausend nicht hinkommst, dann musst Du denen das sagen. Und signalisieren, dass Du was anderes suchen wirst.“

2.

Da dieser Erste Mai auf einen Freitag fällt, ist ein langes Brücken-Wochendende angesagt. Geschrieben wird aber dennoch. Genauer gesagt: am Donnerstag wird dieser Text vorgeschrieben und zurückgeblickt. Auf das Erreichte und auf die Aufgaben, die noch bevorstehen.

3.

Dabei geht der Blick zurück. Zunächst flüchtig nur auf all jene Feiern der letzten Wochen, in deren Verlauf an immer wieder neuen Orten in Deutschland und in ganz Europa jener gedacht wurde, die in den Lagern der Nazis umgekommen waren. Oder diesen Terror überlebt haben. Bis heute. Und die sich untereinander nicht einig sind, ob man diesen Tätern verzeihen dürfe, wenn jene bereit wären, ihre Schuld nicht nur einzugestehen, sondern darüber hinaus bereit wären, sich öffentlich dafür einzusetzen, dass „sowas“ NIE WIEDER geschehen dürfe.

4.

Und dabei fällt immer wieder auf, dass es vor allem Gewerkschafter waren, und Gläubige, und die Kommunisten, die sich noch am besten unter diesen Verhältnissen des Schreckens und des Terrors haben organisieren, ja, sogar zur Wehr setzen können. All diese Menschen, die vor der Gefangennahme für die Menschenrechte gekämpft hatten, all jene, die die Kraft hatten, selbst im Lager noch nicht aufzugeben und mit ihrer Disziplin dafür Sorge trugen, dass es auch Anderen immer noch besser gehe, als ohne sie.

5.

Dieser Erste Mai als Feiertag – einst ein Geschenk Hitlers an die Massen [1] – ist in diesem Jahr ein ganz besonderer Anlass sich daran zu erinnern, welche Leidens-Geschichten all dem zu Grunde liegen, dass wir heute einen Tag „frei“ haben. Alle anderen Feiertage – ausser jenem National-Feiertag, der 3. Oktober der eigentlich am 9. November hätte stattfinden sollen - sind kirchliche Festtage. Und in Anerkenntnis dieses Umstandes wird ja immer noch gerne behauptet, dass auch die Arbeiterbewegung „nichts anderes als eine Ersatzkirche“ (gewesen) sei. Und sich daher auch dieser 1. Mai in all die anderen kirchlichen Festtage eingemeinden liesse…

6.

Ausbeutung? Dieses Kainsmal findet sich vielleicht noch auf den „Made-in-Bangladesh“-Badges auf dem Super-Markt-T-Shirt. Aber wen, bitte, interessiert es denn noch, dass heute immer noch die Frauen für gleiche Arbeit weniger verdienen als Männer, Männer mit dem Namen Mohammed immer noch keine Chance habe, zu einem Bewerbungsgespräch auch nur eingeladen zu werden, der Anteil von Akademikerkindern an den sogenannten „höheren Schulen“ immer noch um ein vielfaches höher ist als ihr Anteil im Bevölkerungsspektrum und Flächentarifverträge – zumindest bei den Journalisten – immer weniger Verbreitung und Bedeutung haben?

7.

Alle wollen gerne – immer noch – „was mit Medien“ machen. Aber der Beruf des Journalisten ist einer, der in der Liste der attraktivsten Leitbilder schon sehr weit unten steht. Und der Glaubhaftigkeitsfaktor wird auch nicht gerade gesteigert, wenn sich so einer dann auch noch in einer Gewerkschaft organisiert. Sei es, dass sie oder er als „Querulant“ abgestempelt wird, sei es, dass man sich angesichts der aktuellen Veränderungen fragen lassen muss, ob wir nicht schon längst mit den Verlegern „im gleichen Boot“ sitzen würden.

8.

Intelligenter Widerstand ist gerade noch gut genug dafür, sich selbst besser verkaufen zu können: Als Marke – oder sogar als Kollektiv. Aber massentauglich? Selbst im Mutterland der bürgerlichen Revolution und der Pariser Commune blamieren sich die frischgewählten Sozialisten, einst 1981 so mächtig gestartet, so nachhaltig, dass sich heute eine rechtskonservative Nationalpartei Hoffnung auf das Präsidentenamt machen kann. Und in Deutschland: Da gibt es eine grosse Koalition, die nichts Grosses hinbekommt. Die Genossen haben ihr Pulver verschossen. Und selbst die Linke… schafft es nicht einmal, eine App zum Ersten Mai herauszubringen.

9.

„Wer hat uns verraten?“: Wir haben es selbst getan. Und dabei überleben wir immer noch in den komfortabelsten aller europäischen Kulturen. „Wir“ laden „die Chinesen“ ein, uns alles streitig zu machen, womit wir bisher noch als „Exportweltmeister“ haben Gewinne schreiben können. Und sind immer noch nicht in der Lage, zu begreifen, was uns Rainer Werner Fassbinder schon in seinen Filmen „Angst essen Seele auf“ und „Die Welt am Draht“ vor 40 Jahren an jede Leinwand gemalt hat. Oder haben wir es inzwischen gelernt, „dem Fremden“ zu begegnen, und dem Fremden in uns selber gewachsen zu sein?

10.

Wenn der Erste Mai noch ein Feiertag sein soll, dann müssen wir endlich begreifen, jenen Bogen vom 9. Mai bis zum 9. November zu schlagen – falls überhaupt noch „jemand“ etwas mit diesen Jahres-Tagen in Verbindung bringen kann. „Wofür leisten wir etwas?“ lässt Brecht in einem seiner letzten Exilstücke fragen und antworten: „… dafür, dass wir uns etwas leisten“. Auch heute feiern zu können, sollte man sich „leisten“ können. Und es dann auch tun. Mit dem Respekt vor den Toten und einer schlichten Antwort auf die Frage, welche Aufgabe wir noch zu erfüllen haben, solange wir noch von dem Luxus dieses Lebens in Gewahrsam genommen werden.

[1Siehe dazu den Eintrag vom 1. Mai 2004 "Feier-Tag der Arbeit: seit 1933".