Reisenotizen

Im Zug.

Die ältere Dame auf der gegenüberliegenden Seite liest eine Zeitung. Oben steht THÜRINGEN: Der Aufmacher schreibt unter einem Foto mit drei Personen im Grünen: KONZERNCHEF VON BERGBAHN BEGEISTERT.

Allein das zu sehen ist es doch schon Wert, notiert zu werden: Hier wird noch richtig Zeitung gelesen, aufmerksam, Seite um Seite. Beim nächsten Hingucken auf mein Gegenüber ist schon die nächste Seite aufgeschlagen. Und jetzt steht, unter dem nächsten Foto von einem Fuhrpark, der Satz: ZWÖLF NEUE BUSSE ÜBERGEBEN.
Die Aufmerksamkeit der Dame an der Lektüre ist ungebrochen. Ihr hat diese Lokal- / Regionalzeitung ganz offensichtlich was zu sagen. Angesicht um all das Bangen um die Zukunft der Zeitung ist es heute noch einmal gut zu sehen, wie es früher war…

Ihr Gegenüber sitzt eine junge Frau, über ihren Rechner gebeugt, und schreibt und redigiert und liest Text. Sie hat auf ihrem maximal 12“ Bildschirm sogar zwei Seiten nebeneinander stehen. Und doch ist ihr all dieses „Kleingedruckte“ nicht zu klein.
Dann zückt sie ein grünes Smartphone, macht sich damit auf den Weg, offensichtlich um Niemanden zu stören, kommt dann aber, immer noch telefonsprechend, bis an ihren Platz damit zurück. Ja, sagt sie, der Rick sei gerade aus der Bay Area zurückgekommen und noch ziemlich durch den Wind. Und Paul habe sich dort mit Rachel getroffen, in Palo Alto. Und das sei wohl ziemlich schlecht gelaufen, so die Kurzfassung. Die schlechte Nachricht sei, dass alle Kosten zu Lasten des deutschen Budgets gehen würden.

Im Kopf.

Zwei Menschen, die sich gegenübersitzen, zwei Welten, die sich nicht begegnen. Es ist Freitag, aber die ältere Frau hat offensichtlich frei, die jüngere ist dabei, die Zeit im Zug zu nutzen.

Und der Autor dieser Zeilen sitzt neben den beiden und vernutzt die Zeit. Er arbeitet, in dem er aufschreibt, was er sieht, und was ihm dabei durch den Kopf geht. Aber arbeitet er deshalb wirklich?

Der Autor hat die Freiheit zu entscheiden, ob er seine Zeit für das Aufschreiben dieser Zeilen nutzen oder für die fortdauernden Bemühungen um die Aktualisierung der nächsten Einladungsliste einsetzen will.

Dabei hat er verschiedene Widerstände zum überwinden: die Unzulänglichkeiten, nicht gut genug mit dem Personen-Daten-Erfassungs-Programm umgehen zu können, aber auch mit dem aufkeimenden Unwillen, immer wieder um Aufmerksamkeit ringen zu müssen, die die Basis auch für die Sicherung seines wirtschaftlichen Aufkommens ist.

Er kann es – das nur nebenbei gesagt – daher überhaupt nicht verstehen, dass aus dem Kreis seiner mehr als 2000 Kolleginnen und Kollegen allein im Raum Berlin nur zwei der Meinung sind, dass es für sie wichtig sei, für ein zweitägiges Training nicht einmal 200 Euro auszugeben, um sich für eine bessere Strategie und Praxis der Selbstvermarktung coachen zu lassen.

Einen Text wie diesen zu schreiben, hilft sicherlich kaum der unmittelbaren wirtschaftlichen Vermarktung: Er ist zwar publizierbar und hoffentlich aus so geschrieben, dass er konsumierbar ist. Aber wirtschaftlich verwertbar?

Lichtenfels

Der Zug hat angehalten, wenige Fahrgäste, die aus- und eingestiegen sind, und schon rollt der Zug wieder an. Und eigentlich ist alles gut. Sehr gut sogar. Draussen das satte Grün in gleissendem Sonnenlicht unter einem blauen Himmel. Und drinnen ist es ruhig und bequem. Angenehme Ledersitze, alles aus Holz: von den Sitzen bis zu den Seitenpanelen. Der Tisch, auf dem der Rechner ruht auf dem die Handballen ruhen, ist auch aus Holz und in Richtung des Fahrgastes ausklappbar. So ist auch noch genug Platz für einen Kaffee, der vom Personal am Platz zum Preis von 2.80 Euro angeboten wurde.

Und in der Konsole zwischen den beiden Sitzen finden sich je zwei Steckdosen mit einem 220 Volt-Anschluss. Auch wenn diese bereitgestellte Stromversorgung nicht genutzt werden kann. Denn das für den Anschluss des Rechners notwendige Kabel ist versehentlich im Büro geblieben. Nun gut: Dieses als „EliteBook“ in Aluminium verpackte Teil hat noch genug Akkukapazität, so dass es den aktuellen Schreibprozess nicht beeinträchtigen wird. Und doch ist es in diesem Moment unterschwellig doch immer ein wenig wie ein Schreiben gegen die Zeit: Aku-Lebens-Zeit.

Zeitfragen

Bamberg, wo wir jetzt gleich ankommen werden, ist der ideale Ort, um über Zeit-Fragen zu reflektieren. Es gibt nicht so viele Städte in Deutschland, in denen „Geschichte“ heute noch so gegenwärtig ist, auf Schritt und Tritt wieder auftaucht, auch wenn davon am Bahnhof auf der Durchreise nur wenig zu spüren ist.

Auch hier kommen jetzt einige Gäste vorbei, die neu eingestiegen sind. Ein Frau schiebt einen Kinderwagen durch den Gang und die ältere Frau wird gebeten, ihre Tasche wegzuräumen, damit sie weitergehen/weiterfahren kann. Die jüngere, ihr gegenübersitzende Frau hilft ihr dabei.

„Guten Morgen! Noch zugestiegen? Die Fahrkarten bitte!“ - der Schaffner macht seinen Weg. Er ist auf Arbeit. Die junge Frau, die sich wieder dem Rechner zugewandt hat, auch. Und die Ältere? Sie hat inzwischen ihre Lektüre beendet und studiert den Fahrplan.

Und der Autor? Er studiert weiter, sich und die Leute. Denn der Blick auf die Anderen ist immer auch ein Blick auf sich selber. Denn nur dadurch, sie sehen zu können, bleibt die Gewissheit, auch sich selber wahr-nehmen zu können.
Und Du fragst Dich, wie lange das noch so bleiben wird, wem Du noch begegnen wirst, und ob Du die Auswahl dieser Begegnungen durch die weitere Ausgestaltung der noch zu erstellenden Adressenliste beeinflussen kannst, beeinflussen willst.

Büro.

Flashback auf den vorherigen Tag. Als es am späten Vormittag am Eingang zum Haus klingelt, ist keinem von uns klar, wer das wohl sein würde. Also öffnen wir nicht per Knopfdruck, sondern schliessen die Tür persönlich auf. Ein Mann von der grünen Post tritt ein und bedankt sich für den Einlass, er sei nur die Vertretung und habe kein eigenes Schlüsselbund, sagt er.

Wir bieten ihm einen Kaffee an. Und er sagt nicht nein, sondern, dass er ihn „ohne Zucker und mit einem kleinen Schuss Milch“ haben möchte. Als unsere gute SAECO II ihr Werk getan und den guten Arabica gut zusammengebraut hatte, sitzt der Mann im Eingang des Hausflurs auf einem Absatz und hat seine Stulle ausgepackt.

Jetzt kommt ihm der Kaffee sehr entgegen. Und er erzählt: dass er eigentlich aus einem Doppel-Akademiker-Haushalt komme, mit 30 noch ein Zweitstudium begonnen und dann lange Zeit in Südostasien verbracht habe, darunter auch mehrere Monate in einem Ashram in Indien… und dass der („dennoch“ – so seine Stimmlage, auch wenn er das Wort so nicht sagt) jetzt hier als Postboote im Hausflur sässe.
Und dann lobt er dieses kleine Wunder, dass ihm während der Arbeit auf dieser Strecke durch die Stadt ein Kaffee angeboten würde, und erzählt und erzählt… bis das Brot gegessen und der Becher gelehrt ist.

Und er bekommt noch den Hinweis auf die „Friedensgespräche“ mit auf den Weg, die im Juli 2015 in Berlin ausgerichtet werden, und alle sind’s zufrieden.

Erlangen.

Ein Kind schreit laut auf und ruft mehrmals hintereinander „Nein“ und „Nein“ und nochmals „Nein“. Die junge Frau ist inzwischen wieder aufgestanden, da jetzt eine „Heidi“ angerufen hat und es offensichtlich viel mit ihr zu besprechen gibt.

An diesem Bahnhof gibt es nicht viel nachzudenken, ausser an eine „Verflossene“ von der nicht einmal mehr der Name gegenwärtig ist, die sich aber mit ihrem Lebenspartner hierher abgesetzt hat.

Ob sie immer noch zusammen sind, immer noch hier leben?

Nein, um das nachzuforschen, dafür ist die Zeit jetzt auf jeden Fall zu wertvoll. Vorbei ist vorbei. Und dass wir nicht mehr zusammen sind, auch das ist gut so.

Die Zeit die noch bleibt – die Zeit, dass der Rechner noch Strom hat, die Zeit, die der Zug noch braucht, um am Zielbahnhof anzukommen, die Zeit die es braucht, um die anstehenden Aufgaben bewältigen zu können – all diese Zeit, ist schier unendlich und doch in jedem Moment begrenzt, durch den nächsten.

Jeder Blick hat einen Horizont, durch das Zugfenster genauso wie der Blick auf die Gegenübersitzenden. Der Rahmen dieses Blickes ist durch die Geographie ebenso begrenzt wie durch den Anstand. Durch das Wissen um die Zusammenhänge von Raum und Zeit als auch durch die Kenntnis der Grenzen, denen die Neugier ausgesetzt ist.

Auch der Schaffner, der nach jeder Station wieder vorbeikommt, ist neugierig und fragt, ob noch jemand zugestiegen sei. Und spricht diese Mal auch den schreibenden Autor explizit an; er sieht, dass es in so kurzer Zeit nicht möglich gewesen wäre, sich an diesem Platz so zu etablieren wie hier geschehen. Und er lacht leise vor sich hin, als er auf seine Frage die die Antwort bekommt: „… schon seit Berlin“.

Nürnberg.

Wie gut, dass wir während der Fahrt wissen, woher wir kommen und wohin wir wollen. Oder haben Sie schon zu Zeiten in einem Zug gesessen, als sie nicht wussten, wie lange die Fahrt noch sein würde, als Ihnen nicht bekannt war, wann Sie wohl wieder aussteigen würden, und wo?

Die Menschen, die hier im Zug um einen herum sitzen, machen alle den Eindruck, dass sie wüssten, dass sie jetzt gleich aussteigen würden. Und: wohin sie ihr Weg danach führen würde. Auch die ältere Dame hat bereits vor Einfahrt des Zuges in den Bahnhof ihren Platz samt Gepäck verlassen – und auch die Zeitung mitgenommen auf ihren weiteren Weg.

Gerade bei dem Erscheinen des Namens dieser Stadt schweifen die Gedanken immer wieder ab, kreisen immer wieder um das Er-Leben jener, die auch an dem Endpunkt ihrer Zugfahrt nicht wissen, wie es weitergehen wird, die nicht wissen, dass dieses Ziel eine Rampe sein wird, auf der man „selektiert“ wird, oder eine Hafenstadt, in der es hoffentlich eine Fahrkarte und ein Ausreise-Visum geben wird. „Flüchten oder Standhalten?“ Hier, in der heimlichen Hauptstadt eines weltumspannenden Deutschen Reiches, wurden die Grundfesten einer Ideologie aufgebaut, in der darüber per Gesetz und Rassenerklärung befunden wird, wer „hierher“ gehört und wer nicht.
Und so kann auch das Wissen um die Orte, von denen man herkommt und zu denen man am liebsten gehen würde, ab einem bestimmten Moment nicht mehr helfen, nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass das Verweilen an diesen Orten den sicheren Tod mit sich bringen würde.

Es wir Dir plötzlich bewusst, welch ein Privileg es ist, Orte zu haben, an denen mal leben mag, zu denen man hinfahren möchte. Auch Nürnberg gehört dazu, in der Hoffnung, im nächsten Jahr auch in dieser Stadt eine neue Einkommensquelle zu finden.

Heute aber ist auch dieser Bahnhof nur eine Zwischenstation.

Das Telefon…

… klingelt. Es gibt kein Vertun mehr. Es gibt nicht mehr die Wahlfreiheit, diesen Text noch weiter schreiben zu können oder sich an den Adressverteiler zu machen. Jetzt also gilt es zu entscheiden, wer am 17. September diesen Jahres nach Berlin eingeladen werden wird, und wer nicht.

Der Rechner ist nicht mehr länger Schreibmaschine, sondern wird selber zu einem Selektionsinstrument, auf dem mehr als zehntausend Adressen hinterlegt sind. Gut so, dass es in diesem Fall nicht um das Ausladen, sondern um das Einladen geht. Und wie gut, dass wir das Glück haben, einladen zu können, dass wir die Chutzpe, die Freunde, die MitarbeiterInnen und das Geld haben, dies tun zu können. Und, dass jede und jeder der Angesprochenen entscheiden kann, ob sie oder er der Einladung Folge leisten mag, oder auch nicht.

Follow me, my Friend. Beyond the End.