Mund auf, Augen zu

Als virtueller "Vorabdruck" zum Karneval folgende Publikation von Holger Reischock aus der Seite 8 der (Rosen-)Montagsausgabe der Berliner Zeitung vom 23. Februar 2004, der im Untertitel seines Artikels konstatiert: "Ein Kuss ist so gut wie hundert Meter Joggen. Und man braucht nicht einmal Turnschuhe dazu." Wir zitieren in voller Länge.

BERLIN, im Februar. Nie ist die Gelegenheit günstiger, sich ungestraft auf wildfremde Menschen zu stürzen, um ihnen die Lippen auf Wangen oder andere geeignete Körperpartien zu drücken, als in der frohsinnigen Zeit des Karnevals. "Du sollst mich lieben für drei tolle Tage, du sollst mich küssen, denn das ist deine Pflicht", lautet die Devise, und ein rheinländischer Poet reimte im Überschwang der Gefühle: "Hast du zum Küssen Gelegenheit, Mensch, dann geh ran mit Verwegenheit." Bützen nennt man solcherart verwegene Verrichtung im Mutterland des närrischen Treibens, doch ein Internet-Lexikon warnt den ahnungslosen Laien vor dieser verharmlosenden Umschreibung: "Ob auf die Wange oder auf den Mund, ist von der Situation und dem jeweiligen Gegenüber abhängig. Wird von ausgefuchsten Karnevalisten auch gern zur Vorbereitung eines Seitensprungs genutzt."
Von wegen: Küssen ist keine Sünd . Zwar sagt der Dichter, dass Küsse ein "Austausch der Seelen" seien oder auch "das Rosenpünktchen auf dem i der Liebe", doch realitätsnäher ist wohl die Definition, ein Kuss sei die Anfrage im Obergeschoss, ob unten frei ist. Zumindest was den Kuss betrifft, der mehr oder weniger inniglich von Mund zu Mund verabreicht wird.

Und von dem gibt es nur Gutes zu berichten. Um jemanden nach allen Regeln der Kunst und zu welchem Zweck auch immer küssen zu können, müssen zunächst sämtliche 34 Gesichtsmuskeln in Bewegung gesetzt werden - mit dem Musculus orbicularis oris an der Spitze, welcher den Kussmund erst zum charakteristischen O formt. Dann nehmen die Ereignisse ihren Lauf: Je nach Leidenschaftlichkeit presst sich Lippe auf Lippe mit einem Druck zwischen einem und 15 Kilogramm, im Durchschnitt wechseln 61 Milligramm Wasser, 0,7 Milligramm Eiweiß, 0,45 Milligramm Salz und 0,76 Milligramm Fett pro Kuss den Besitzer.

Die Wirkung dieses eher trivialen Vorgangs ist eine ungeheure. Der Körper rüstet sich für das, was vermeintlich noch kommen wird, und lässt den Puls schon mal auf mindestens 120 klettern. Der Blutdruck steigt auf 180, falls er da nicht sowieso schon war, und die Körpertemperatur erhöht sich im Verlauf des Kusses um 0,5 Grad. Die Haut wird bis zu 30 Prozent besser durchblutet: Küssen ist also auch gut gegen Falten. Die Nebenniere sondert zur Feier des Tages einen ordentlichen Adrenalinstoß ab, die Bauchspeicheldrüse schließt sich an und erzeugt eine Extraration Insulin. Glückshormone werden auf den Weg gebracht, und zugleich wird vor lauter Glückseligkeit die Produktion des Stress- und Frusthormons Kortison eingeschränkt - wer frisch geküsst Auto fährt, so hat die Wissenschaft herausgefunden, der tut dies weniger aggressiv. Und alles andere vermutlich auch.

Das Immunsystem profitiert seinerseits von einem intensiven Kuss; amerikanische Forscher haben, wie auch immer, festgestellt, dass Vielküsser viel seltener zum Arzt müssen. Zudem leben sie auch noch rund fünf Jahre länger. Und selbst die Zähne haben noch was vom Küssen: Erhöhter Speichelfluss verteilt Mineralien im Mund, die den Zahnschmelz stärken. In Zeiten der Praxisgebühr ein nicht zu unterschätzender Effekt, der zudem verhindert, dass man dereinst vor dem Morgenkuss erst das Gebiss einsetzen muss.

Alles in allem bringt ein ordentlicher Kuss etwa so viel wie hundert Meter Joggen, aber man muss sich wenigstens nicht extra Turnschuhe dafür anziehen. Und spätestens wenn es draußen regnet, ist das Küssen eine vernünftige Alternative, auf die nicht ungern zurückgegriffen wird. Im Durchschnitt soll der Mensch bis zu seinem 70. Lebensjahr etwa 110 000 Minuten damit zubringen, das sind über 76 Tage, und wenn man diejenigen Personen abrechnet, die sich aus dem einen oder anderen Grund aufs Joggen beschränken müssen, dann gibt es vermutlich etliche Glückspilze, die unterm Strich ein halbes Jahr ihres Erdendaseins mit Küssen verbringen. Der Rheinländer bringt es wahrscheinlich sogar auf ein ganzes Jahr, wenn man die vielen Bützchen dazu rechnet.

Den Weltrekord im Dauerküssen hält allerdings kein jeckes Pärchen vom Rhein, sondern, natürlich, ein amerikanisches Duo. Rich Langley küsste seine Louisa nonstop genau 30 Stunden und 59 Minuten lang, und zwar ohne zu schummeln. Im Gegensatz zu Pfahlsitz- und anderen zweifelhaften Rekorden stand ihnen keine Pause zu, sie mussten wach bleiben und während des gesamten Versuchs stehen. Auch Hilfe durch andere Personen war nicht gestattet, aber das dürfte beim Küssen ohnehin schwer zu bewerkstelligen sein.

Bei so viel Freude scheint sich die Frage, warum Menschen überhaupt ihre Münder aufeinander pressen und sich gegenseitig mit der Zunge darin herumfahren, von selbst zu beantworten. Jeder Zweck bringt halt sein Mittel hervor. Dennoch ist nicht ganz klar, wo die Wurzeln dieses Brauchs liegen. Verhaltensforscher vertreten die steile These, dass das Küssen ein Relikt der Mund-zu-Mund-Fütterung zwischen Mutter und Kind in grauer Vorzeit sei, eine "abgeleitete Fütterungshandlung". In Neuguinea soll es unter Verliebten heute noch Sitte sein, sich so ein paar lecker Häppchen zukommen zu lassen, aber die kennen sicher noch keine Döner oder Cheeseburger.

Andere Theorien besagen, dass das Küssen vom Stillen nach der Geburt herrührt oder vom Brauch unserer Vorfahren, sich lebenswichtiges Salz von der Haut des Partners zu lecken, was ja auch heute durchaus seinen Reiz haben kann, obwohl man sein Salz genauso gut im Supermarkt kriegt. Eher unwahrscheinlich klingt der Erklärungsversuch, dass das Küssen ein Überbleibsel aus der Antike ist, wo Männer auf diese Weise herausfinden wollten, ob ihre Frauen wieder heimlich Wein getrunken haben.

Richtig beweisen kann das alles keiner, und es würde uns auch nicht wirklich weiterhelfen. Ganz verkehrt kann die Küsserei jedenfalls nicht sein: Immerhin tun es rund neunzig Prozent der Menschheit mehr oder weniger regelmäßig, und das Schöne ist: Am Aschermittwoch ist das eben nicht alles vorbei. Schließlich sind Küsse ja nicht nur ein amüsanter Zeitvertreib, sondern fördern auch jenes Verlangen, das letztlich den Fortbestand der Spezies Mensch garantiert.

Man muss ja auch ein bisschen praktisch denken.