Happy Birthday, Erika Pluhar!

Auszug aus der Rede des Geburtstagskindes Erika Pluhar vom 8. Februar 2004, gesprochen auf der Bühne des Volkstheaters in Wien im Rahmen einer Benefizveranstaltung für die Erdbebenopfer in Bam.

[...] Wir sind doch stets der Meinung, voll des Mitgefühls zu sein, wenn sich auf Erden Katastrophisches ereignet und wir davon erfahren. „Eine Welle des Mitgefühls", nennt man das dann. Vom Ort des Unheils möglichst weit entfernt lassen wir diese Welle losrollen, und befreien uns damit auch gleichzeitig wieder vom Mitfühlen und Mitleiden, weil all dies ja „dort" geschehen ist, und nicht „hier", bei uns, bei mir, neben mir, oder gar mir selbst. Die ferne Katastrophe, die mich nicht berührt, macht es mir leicht, in Rührung zu geraten. Den Tod, die Qual, das Elend dort, wo ich nicht bin, wahrzunehmen, gelingt. Ähnliches in meiner Nähe festzustellen, ist bereits schwieriger. Weil meine Angst, selbst betroffen zu werden, mit dem Näherrücken fremder Schicksalsschläge wächst. So sehr fürchten wir doch alle den stets möglichen Schlag gegen unser eigenes Leben! Also lieber nicht hinschauen und nicht drüber nachdenken. Daß es in Persien ein fürchterliches Erdbeben gab, lässt sich aushalten. Daß der Freund oder Nachbar gerade fürchterlich an Krebs verreckt, oder gerade ein Kind verloren hat, ist unerträglich, das schiebt man lieber von sich.

Natürlich bejahe ich Hilfeleistungen für ferne Not, wenn man sich deren Direktheit und Nutzhaftigkeit sicher sein kann - so wie das ja heute der Fall ist. Deshalb bin ich hier, und sitze jetzt vor Ihnen.

Aber jede Form der Mild-oder Wohltätigkeit, meine ich, sollte uns nicht dabei helfen, uns von der Last dessen, wo wir im eigenen Lebensumfeld wegschauen wollen, zu befreien, sie sollte nicht dazu dienen, unsere persönlichen Ängste zu kompensieren. Denn ständig, in jeder Sekunde, jetzt, während wir hier in diesem Theater sind, während ich z. B. das Wort „Mitgefühl" nochmals ausspreche - wird um uns gelitten und gestorben. Ereignen sich Katastrophen. Ganz nah. Und auch wenn es tausende sind, die auf einen Schlag hinweggerafft werden, starb dennoch jeder einzelne seinen ganz persönlichen Tod. Auch wenn es tausende sind, die in einer fernen Region hungern, frieren, Seuchen anheimfallen, wird überall, und auch dicht neben uns, neben mir, zu jeder Zeit gehungert, gefroren, Krankheiten erlegen.

Die Katastrophe am anderen Ende der Welt müsste uns so nahe angehen wie die, welche meine nächsten und liebsten Menschen ereilt, oder mich selbst. Erst dann hätte Mitgefühl nichts mehr mit Heuchelempfindsamkeit zu tun und würde zu einem lebendigen, tätigen Akt der Mitmenschlichkeit.

Ich weiß, daß ich mit dieser Möglichkeit eine Utopie beschreibe. Aber Utopien sind und bleiben mir Richtungs-und Wegweiser.

Wie auch immer - diese Überlegung, die mir persönlich sehr wichtig ist, wollte ich vorerst gern von dieser Bühne aus mit Ihnen teilen und sie mir selbst dabei nochmals bewusst machen. [...]

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ERIKA PLUHAR IM Ö1-RADIO: Wer ihr im Radio zuhören möchte:
, Im Gespräch mit Mirjam Jessa in der Sendung "Spielräume" auf Ö1 ab 17 Uhr.

ERIKA PLUHAR ACAPELLABEI: mit ihrem "Abschiedslied"
Als Real-Voice-Stream hier zu hören unter: http://stream.ndr.de/bb/redirect.ls...

ERIKA PLUHAR IN DER SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG: in einem Text von Helmut Schödel, zitiert nach der Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 28. Februar 2004 © sueddeutsche.de GmbH/Süddeutsche Zeitung GmbH - Vielen Dank! WS.

"Grinzinger Verwunschenes"

Es ist viele Jahre her, da kaufte ich auf Verdacht eine Platte, weil da Lieder drauf waren wie „Nimm dich in Acht vor blonden Frauen". Auf dem Cover sah man eine sehr, sehr schöne Sängerin und hörte dann ihre dunkle Stimme. Ich wusste damals nicht, dass Erika Pluhar schon was ganz Berühmtes war, Burgschauspielerin, verheiratet mit berühmten oder auch berüchtigten Männern. Für mich war sie eine Vampirin, von der ich ahnte, dass sie, wenn die Stunde schlägt, ihrer Bestimmung folgt und auch zubeißt. Da lag ich, wie sich später herausstellte, nicht so falsch.

Später begegnete ich ihr nicht nur im Burgtheater, sondern auch bei den Parties ihrer Tochter Anna draußen in Grinzing, wo sie kurz ihre Reverenz erwies und wieder fortschwebte. Unsere Wege kreuzten sich auch im Grazer Gefängnis, wo ihr erster Ehemann lebenslang einsaß. Als ich über Udo Proksch schrieb, erfuhr ich, dass sie ihn sozusagen nicht einfach sitzen ließ. Das war nicht mehr die Vampirin, auch nicht die Schwebende. Diese Erika Pluhar war eine starke Frau, die nicht einknickte vor der Wiener Gesellschaft und im Gefängnis Lieder sang, vor Udo Proksch in der ersten Reihe. „Schuldfragen habe ich mit ihm nicht erörtert", sagt sie. „Er hat genug gebüßt, und zwar würdig. Viele waren zu feig, ihn zu besuchen. Das ist halt so, wenn man selber Dreck am Stecken hat."

Weil sie an diesem Samstag 65 wird, fuhr ich jetzt wieder nach Grinzing. Ich traf sie an der Gartentür vor ihrem Haus, das nicht einfach ein Haus ist, sondern etwas Verwunschenes, und folgte ihr in die stillen Räume mit den Büchern, einem schwarzen Flügel und den von wildem Wein zugewachsenen Fenstern, nahm Platz neben dem Wintergarten, wo zwischen wuchernden Pflanzen Vögel zwitschern, und schaute auf den verwilderten Garten hinter dem Haus, wo sie vormittags ihre Tagebuchnotizen schreibt. Ihr freundlicher Blick sagt nun: Was wer ma scho reden. Die wesentlichen Fragen werden nicht zu klären sein.

Aus ihr sprechen 40 Jahre Burgtheater-Disziplin. Sie hat sich in eine betrachtende Lebensweise zurückgezogen, weit weg von der „Drei-SterneLokal-Meute" in der Innenstadt. Sie habe einmal als Emanze gegolten, sagt sie. „Aber die Emanzenzeit ist vorbei. Jetzt geht es darum, dass man auch als Frau in Würde älter werden kann. Ohne Schönheitschirurgen. Natürlich hat das auch eine Schmerzlichkeit. Aber Fitnessstudios machen alles nur schlimmer." Sie fordert den „nachdenklichen, eigenständigen, empfindenden Menschen" und will kein Opfer ihrer Karriere mehr sein. Sie will überhaupt kein Opfer mehr sein.

Bundespräsidentin hätte sie in Österreich werden sollen. Das hat sie abgelehnt. Sie hatte einen anderen Lebensplan. Zwar immer gerne auf und ab, each and every highway - aber bitte kein Leben für Empfänge und Sonntagsreden. Sie hat jetzt einen Hausmeister, Haushaltshilfen, weil sie nicht kochen kann, und Menschen, die sie in ihrem Beruf unterstützen. Ihre Tochter Anna ist inzwischen an einem Asthmaanfall gestorben. Udo Proksch ist auch tot. „Ich bin verlustgeschädigt", sagt sie. Aber: „I geb ned auf." So heißt auch eine ihrer CDs mit Liedern, die ihr bei Spaziergängen im nahen Wienerwald einfallen. Die Texte sind voll tiefer Melancholie.

Erika Pluhar ist im Wiener Arbeitervorort Floridsdorf aufgewachsen, hineingeboren in den Zweiten Weltkrieg. „Indem sie begriff, was Krieg ist, begann sie zu begreifen. Erfuhr sie die Welt in Zusammenhängen, die ihr eben erst erwachtes Leben bedrohten", schreibt sie. Dann wurde das Mädel aus der Vorstadt zur Vorzugsschülerin. Sie ging nach dem Krieg gerne zur Schule: „Etwas lernen können ohne Bomben. Wunderbar!" Die frühen Jahre hat sie in einem großartig offenherzigen Buch beschrieben: „Am Ende des Gartens."

Und die Männer? Proksch, der in Österreich fast eine Staatskrise auslöste, als ein Frachter namens Lucona unterging und er für den Tod der Matrosen zur Rechenschaft gezogen wurde. „Der war damals, als ich ihn kennenlernte, an der Akademie für angewandte Kunst. Ein Student." Ihr zweiter Mann, André Heller: „Ich hab’ ihn als kleinen Diskjockey getroffen, der sein bisschen Erbe in einen Film investiert hat, in dem ich mitspielte. Der Film hieß Moos auf den Steinen. Anschließend war das Geld weg." Ihr dritter Mann, der Schauspieler Peter Vogel, hat sich umgebracht. „Als er suchtfrei war, das war keine lange Zeit, aber das war eine schöne, reiche und familiäre Phase meines Lebens. So hätte es vielleicht auch gehen können. Es war eine Kostprobe. Mehr sollte nicht sein." Aber Peter Vogels Tod habe ihr einen Weg gewiesen, der bis ins Heute reicht. „Leicht dahingelebt habe ich nie", sagt Erika Pluhar.

Als Claus Peymann Burgtheaterdirektor wurde und die Kirsten Dene der Erika Pluhar vorzog, hat sie sich gewehrt. Sie schrieb an Gott und die Welt und den österreichischen Bundeskanzler Vranitzky. Sie fragte sich beim Lesen der Texte von Thomas Bernhard: „Was bindet Bernhard an ein Milieu wie dieses um Claus Peymann?" Sie wurde für viele damals zu einer reaktionären Wiener Diva, was ungerecht war. Sie kämpfte. Sie sang: „Immer wieder geht’s ned mehr. Immer wieder drängt di irgendwer. Zum Weiterleben." Sie beobachtete sich bei diesem Leben und versuchte, es zu beschreiben. Sie glaubte mal, dass Männer wie Proksch Halbgötter seien, und setzte dann immer wieder zur Korrektur an. Jetzt sagt sie: „Vielleicht sind andere ein paar Jahre jünger, aber was heißt das schon." Zum 65. Geburtstag von Erika Pluhar erscheint jetzt bei „Hoffmann und Campe"-Verlag ein Fotoband. Es sind Porträts, Schnappschüsse, Bilddokumente, ergänzt durch unveröffentlichtes Material aus den Tagebüchern. Außerdem wird eine CD erscheinen - „Es war einmal. Ein Lebensweg in Liedern".

Da könnte auch „Nimm dich in Acht vor blonden Frauen" dabei sein.