Und es gibt sie doch: die Drei-Klassen-Gesellschaft

Endlich: der Durchmarsch durch die Institutionen ist geschafft. Endlich ist die 68er-Generation auch bei RTL 2 angekommen. Mit dem Titel "Big Brother" hatte sie einst ihren Einstand gegeben. Mit der fünften Staffel und der Wiedereinführung der 3-Klassen-Gesellschaft hat sie ein neues Format.

Nicht dass damit gesagt sei, dass die Freunde und Feinde von damals heute wieder an Format gewonnen hätten. Aber wenn sie die Gesellschaft eben nicht so nachhaltig haben verändern können, wie es die CDU mit der Erfindung des Privaten Fernsehens getan hat (siehe Eintrag vom 1. März), dann soll doch zumindest in diesem 3:4-Rahmen ein Format wiedererstehen, das sich ideologisch ganz offensichtlich nicht mehr ohne Revisionen vertreten liess.

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Im dem am 2. März gestarteten Sendeformat wird also dieses ideologische Konstrukt nochmals kräftig durchgeschüttel, von den Füssen auf den Kopf gestellt und so als szenaristisches Produkt in der Welt der Unterhaltung zum Einsatz gebracht: nur, dass aus den Proleten die "Survivor" werden, aus den Bürgerlichen die "Normalen" und aus den Reichen: die "Reichen".

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Diese sprachlichen Neuschöpfung illustrieren die neue Sicht der Dinge. Prolet will heute keiner mehr sein und nur die Reichen sind das geblieben, was sie immr waren: reich. In diesem Sendeformat steht nicht die Auflösung der Grenzen zwischen den Klassen zur Diskussion, sondern die Wiedeinführung scheinbar über Bord geworfener Denkmodelle unter dem Schutzschild einer kommerziellen Unterhaltungsschau.

Das Bühnenbild entwickelt denn auch die entsprechenden Klischee-Interieurs. Und als Ergebnis finden sich sowohl der Arbeitslose als auch der Unternehmer finden sich in ihrem jeweiligen Milieu wieder "wie zuhause". Eine Kommunikation zwischen Ihnen kann nur auf umwegen stattfinden, denn zwischen ihnen liegt der Bereich der Normalos.

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Alle drei Erlebensbereiche sind abgetrennt: durch hohe Gitterwände. Voll krass. Und keinen von den insgesamt neun Probanden scheint dies zu stören. Und das ist noch krasser! In welcher Klasse man auch immer angekommen zu sein scheint. Das Metallgitter wird als durch die Spielregel gesetzt akzeptiert. Wie der Dialog zwischen den Probanden es beschreibt, aktzeptiert als Repräsentant der Idee, die eigenen Grenzen in einem solchen Szenarium kennenzulernen.

So wird nun der "Free-TV"-Zuschauer seine eigene Rolle zuhause auswählen können. Wenn er sie aus dem wirklichen Leben gekannt hat, kann er über sie Zeugnis ablegen ("Gehen Sie nicht zur Zeitung, sagen Sie es gleich uns, hier bei endemol"). Und wenn nicht, kann er zumindest mittels seines Votums mit-bestimmen, welchen Probanden er wieder von der Bild-schirm-fläche verschwinden lassen will ("Sie brauchen deswegen keine schlechtes Gewissen zu haben", so die Moderatorin, "es werden sogar unter denen, die mitmachen, Reisen als Preise verlost").

Und so dürfen wir uns alle ausdenken, wie wir die Gitter im Container verarbeiten wollen: als den Blick in ein Gefängnis, in einen Zoo, die eigene Gesellschaft oder uns selbst.

WS.