New York, Newark Airport, Starbucks.

0.

Nach der Ankunft gab es zwei Alternativen, die Zeit bis zum Weiterflug nach Berlin zu nutzen.

Einer Einladung nach Manhattan zu folgen und dort die neuen Sendeeinrichtungen auf dem Empire-State-Building zu verbringen – oder im Flughafen zu verbleiben.

1.

Die Entscheidung fiel für die letztere Alternative. Und auch hier eröffneten sich mehrere Möglichkeiten. Im Gang zu den Gates 130ff sich neben einer Steckdose zu hocken. Am Gate C 120 die Ladestation neben den Sitzen für die Fluggäste zu nutzen, für $ 69 einen Tagespass für die United Club Lounge zu erwerben, oder sich gleich nebenan in ein Starbucks zu setzen.

Als im Starbucks ein Ecktisch mit Bank und einer darunter eingerichteten Stromquelle frei wurde, war die Entscheidung schnell gefallen. Und nach einigem Schlagestehen und Sich-Einrichten steht ein komplettes Frühstück auf dem Tisch, Rechner und Telefon werden geladen, der Rucksack gibt das Rückenposter her und die Finger beginnen wieder über die Tasten zu gleiten [1].

2.

Von der Seite gegenüber das Laute Rufen und Zurufen der Servicekräfte hinter der Theke. Aus den Lautsprechern über der Vertäfelung ist sogar ein Bob Dylan zu hören, und die Gäste nebenan kommen und gehen im regelmässigen Wechsel.
Noch ist völlig offen, wie lange mein Bleiben sein wird. Aber nach dem morgendlichen Ansturm wird der Blick über die Tische und Hocker freier und reicht bis auf dem Umgang hinaus, auf dem all die anderen Fluggäste und das Flughafenpersonal entlangziehen.

3.

Diese nächtlichen Flüge zwischen der Ost- an die Westküste – und umgekehrt – werden „Red Eye“ genannt. Sie sind nicht lang genug, um wirklich im Flieger ein Nacht schlafend verbringen zu können. Und vor allem nicht bequem genug: Inlandsflüge wie diese mit United sind und bleiben eine Herausforderung. Und um die gesamte Flugzeit in nur einer Sitzposition zu verbringen, dafür ist dann diese Zeit von gut und gerne 5 Stunden doch wieder zu lange.

Und doch ertragen alle Mitreisende diese Herausforderung ohne Murren und Klagen. Die Ansagen aus der Pilotenkanzel und vom Purser sind kurz und knapp, „sharp’n clear“, würde man im Amerikanischen sagen, und meilenweit von jeglicher empathischen Einfärbung irgendeiner Art.

Der Flieger eine geflügelte Sardinenbüchse. Bis auf den letzten Platz besetzt. Selbst das Handgepäck muss noch am Gate abgegeben und verladen werden. Der eigene Rolli wird am Schluss nochmals durch den ganzen Flieger getragen, um den einzigen noch freien Platz im Stauraum über den Köpfen zu belegen.

4.

Die Bedienung, die den Tisch abräumt, gibt auf Anfrage grünes Licht für einen weiteren Verbleib. Das Frühstück besteht aus einem burger-änlichen runden Brötchen mit Salat und Turkey samt Sauce, einem Greek Strawberry Blueberry Yoghurt Parfait, einer gute Portion heissen Kaffees und einer Flasche Wasser Marke ARCTIC SOL. Am Ende des Frühstücks und dem Verlauf der Verfertigung dieser Zeilen ist es 7 Uhr Morgens Pacific Time, 10 Uhr New Yorker West-Coast Time.

5.

Einmal mehr stellt sich die Frage: Wärest Du bereit gewesen, für dieses Land Deine deutsche Staatsbürgerschaft aufzugeben, falls Dir die Möglichkeit dazu gegeben worden wäre? In den vergangenen zwei Wochen eine Reihe von Gesprächen mit deutschsprechenden Freunden und Bekannte geführt, die mit dem Erwerb der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft die deutsche haben aufgeben müssen – oder nach den aktuellen Bestimmungen auch haben behalten können.

Auch wenn es nicht wirklich Anlass gibt, einen solchen Wechsel in Betracht zu ziehen – viele Jahr zuvor hat auch schon mal die Frage angestanden, ob die Annahme der französischen Staatsbürgerschaft einen Alternative gewesen wäre – so sind doch solche Gedankenspiele von Interesse. So gelingt es noch besser, sich die Haut jener begeben zu können, die einen solchen Schritt vollzogen haben. Und es macht Spass, sich diese Fragen zu stellen, da im Verlauf der vielen Begegnungen in Las Vegas immer wieder Erstaunen darüber zum Ausdruck kam, als im Verlauf eines Gesprächs die deutsche Staatsbürgerschaft ins Spiel kam, die bis dahin nicht bemerkt worden war.

6.

Und es kommt die Erinnerung an einen Rückflug nach Deutschland Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts auf, der nach einem mehrmonatigen erfolgreichen ersten US-Aufenthalt angetreten wurde, obgleich sich attraktive Möglichkeiten eröffnet hatten, weiterhin in den USA bleiben und dort auch Geld verdienen zu können. Damals war es letztendlich schlicht und einfach das Heimweh, dass diese Heimkehr veranlasst hatte. Wäre damals die Entscheidung eine andere gewesen, vielleicht hätte der weitere Lebensweg wirklich einen ganz anderen Verlauf genommen.

7.

Gehen wir noch einen Schritt weiter zurück. Wäre meine Mutter in der Nazi-Zeit doch noch mit ihrem US-amerikanischen Freund aus Deutschland geflohen – wozu sie nach eigenem Bekunden damals nicht den Mut gehabt habe – so wäre die Person, die jetzt diese Zeilen schreibt, eine andere gewesen.

8.

„DaybyDay“ ist kein Tagebuch und wird nur selten von so persönlichen Reflexionen bestimmt. Aber es hat sich immer dem Motto, der Aufgabe verschrieben, das aufzuzeichnen, was an dem jeweiligen Tag als das jeweils Wichtigste zum Gegenstand haben solle. Und das sind – anlässlich dieses Stop-overs in New York - diese Rückblicke zu der Frage: was wäre (gewesen) wenn…

9.

Heute ist es die Entscheidung, dem Ausflug in die Stadt einen Ausflug in die eigene Geschichte des „was-wäre-wenn“ vorzuziehen. Und das Reiseziel auch auf die eigene Identität auszurichten. So viele Menschen, die hier am Starbucks-Tresen auf die für sie vorbereiteten Getränke und Speisen warten. Jede und Jeder von ihnen er-lebt in diesem Moment seine eigene Geschichte. In Paris ist es das Strasssenkaffee, im dem auf der Terrasse ein solche Blick auf „die Anderen“ und sich selber möglich wird. Hier ist es die Sitzbank gegenüber der Ausgabestation, von der aus alle Kunden nach und nach mir ihren jeweiligen Vornahmen aufgerufen werden, damit sie sich ihre Bestellungen abholen können – und dem Betrachten den Personen seines Interesses eine Identität verleihen: „Gennifer“, „Chris“, „Kathy“, „Andy“, „Catherine“, „Jannet“, „Elly“, „Gennifer“,

10.

In Deutschland würde ein solcher Ort „Zur Einkehr“ heissen, in Paris hiess er „La Coupole“, in New York heisst er gerade mal: „Starbucks“.

Und im Internet?

[1