Oster Spaziergang

Ein Tag, schöner als im Bilderbuch.

I.

Bis zehn Uhr ausgeschlafen. Bei uns um die Ecke gibt es frisches Baguette und Croissants. Der kleine Schwatz mit der Verkäuferin bestätigt: die Arbeit am Sonntag bis zum Mittag ist nicht das Problem. An einem solchen Tag sind die Kunden freundlich und grosszügig. Und wenn Sie am Mittag nach Hause kommt, "sind endlich alle aus dem Bett und wir können gemeinsam miteinander frühstücken".

Es gibt first flush Tea, frische Butter, Parmaschinken, vielerlei Käse und Konfitüre, (keine Milch) und Honig, es gibt Madelaine und in wunderbaren Schattierungen gefärbte Eier. Und es gibt uns, die Familie.

Auch die Heizung geht wieder. Und dort, wo die Abluft aus der Hauswand austritt, sind die Blütenknospen des benachbarten Kirschbaums bereits aufgesprungen.

II.

Und nach dem Essen: ruhen oder tausend Schritte tun? Jeder tut das Seine für sich. Und dann entschliesst sich meine Tochter nach leichtem Drängen meiner Frau mit ein Stück weit vor die Tür zu gehen.

Wir fahren vor das Schloss Charlottenburg, finden dort einen Parkplatz, finden die Schlossstrasse 1a mit einer Ausstellung zum Thema "IRIS" und machen uns auf den Weg um das Schloss herum in den Schlossgarten.

Auf dem Wege dorthin die wohlgepflegten Rabatten: Siehst Du, sage ich, da drin steckt auch eine millionstel Teil von dem Geld, das ich noch vor kurzem der Steuer schuldig war.

Meine Tochter fragt, ob diese Schloss nun dem Bezirk unterstellt sei oder der Stadt. Ich gebe zu bedenken, dass es auch noch die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten gibt. Muss aber nach der Rückkehr diese Information erst zur Bestätigung nachsuchen und erfahren dabei: "Im Schlossgarten Charlottenburg blühen verschiedene Sorten von Kaiserkronen und Tulpen sowie Hyazinthen und Narzissen. Insgesamt sind es über 20.000 Zwiebeln. Hinzu kommen über 26.000 Frühjahrsblumen, darunter verschiedene Bellis, Goldlack, Doronicum, Lunaria, Vergißmeinnicht, Primeln und verschiedene Hornveilchen."
[www.spsg.de/index.php]

Der Weg führt uns durch den Teil der französischen Anlage, vorbei an einem Springbrunnen, bis hin zum See, an dessem Ufer wir uns niederlassen.

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III.

Vor uns auf der Bank links am See ein chinesische Ehepaar. Sie liegt quer auf der Bank, die Kopf im Schoss ihres Mannes und raucht eine schmale Zigarette. Er schaut auf den Sohn, der mit einem Schilfhalm spielt und dessen buschiges Ende wie einen Pinsel in das Wasser taucht.

Dann setzen sich beide Eltern wieder auf, machen Platz für weiter Sitzbedürftige und ihr Sohn beginnt mit dem wassertropfenden Büschel Spuren auf der steinernden Umrandung des Sees zu hinterlassen - worauf der Vater aufsteht und dieses Spiel weiterführt und nach und nach einen langen Strich ganz sorgsam vom Wasser bis hin zur Bank zu ziehen beginnt.

Und dann passiert n i c h t das, was wir beide, meine Tochter wie auch ich erwartet haben: Der Vater zieht mit den Wasserspuren kein einzige chinesisches Schriftzeichen auf, nicht einmal das für "Wasser". Nichts davon.

IV.

Wir alle leben ohne Bewusstsein über die Kultur, die uns geprägt hat. Der Vater übergibt nichts von seiner Kultur an seinen Sohn, aber auch ich erzähle meiner Tochter nichts über die Geschichte und Geschicke dieses Schlosses und seines Gartens.

Unser Verweilen in diesem Moment am Wasser ist wunderschön, der Blick auf die dunkelrote Brücke, die am anderen Ende die beiden Ufersäume miteinander verbindet, "hat was". Und doch sind wir, die diesen Garten bevölkern, weit entfernt von dem, was er an Bedeutung in sich trägt.

Auf der rechten Seite vor uns kommt eine zweite chinesische Familie an den Rand des Sees, diese mit zwei Kindern: die Tochter ist schon in schönstem Sonntagsstaat auf den Beinen, das zweite Kind noch im Kinderwagen (so modern, dass man mit diesem Gefährt jetzt sogar schon über die Treppen hinabfahren kann).

Auf dem Weg zurück hören wir alle Arten von Sprachen: Arabisch, Türkisch, Englisch, Spanisch. Und dazwischen schweigend eine Familie mit drei Kindern und einem Berlin-Stadtplan in der Hand und daneben eine junge erwachsene Tochter mit ihrer Mutter, ein junges Paar mit der Hand des Mädchens auf dem gut betuchten Po ihres Freundes und eine Gruppe mit einem Rollstuhlfahrer in der Mitte, der seine Begleiterin, die ihn schiebt, zu sich herunterzieht und küsst.

V.

[...]

VI.

Was wäre, wenn ich jetzt in jenem Moment, als wir am Wasser sassen, in "Null-Komma-Nichts" über einen mobilen und verlinkten "Personal Digital Assistant", PDA, die notwendigen Daten aus dem "Netz" hätte ziehen und mich so aus meiner Unwissenheit über die Geschichte und Bedeutung des Ortes hätte berfreien können?!

Eine Idee, die mir "vor Ort" auf den Stufen am Wasser auch nicht einen Moment eingefallen wäre. Schon die Beobachtung meiner Umgebung und der chinesischen Familie hätte keinen Raum dafür gegeben.
Aber jetzt, bei Nachsinnen über das Erlebte, steht sie da und will eine Antwort.

Es gibt in der Fachsprache der Multi-Media-Nachfolge den Begriff der "augmented reality" ["AR will overlay text and images onto the objects in your environment to give you more information."]. Das ist - als Vision beschrieben - so zu verstehen, wie wenn das Auge mit einer Art virtuellem "Mouse-Over" ausgestattet wäre, also jedes gesichtete Objekt auf Wunsch per Bild, Text oder Ton von sich aus zu sprechen begänne, über sich zu berichten.

Eine absurde Idee oder zumindest ein Denkansatz für einen alles andere als nur virtuellen Osterspaziergang?

VII.

Und siehe da: es scheint, dass es heute nichts gibt, was es nicht schon geben könnte. Selbst diese hier eben im Text ausgesponnene Idee war schon reif genug, als dass sich Andere ihrer auf ihre Weise bemächtigt hätten: das
"Computer Graphics and User Interfaces Lab" an der Columbia University!

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- http://www1.cs.columbia.edu/graphic...

WS.