D-Welle ITV: Vorreiter der BBC?

Anbei das Zitat eines "telepolis"-online-Artikels von Alfred Krüger vom 6. Mai, in dem unter dem Titel "Internet-TV auf Abruf" über die neue IP-basierte "VideoOnDemand"-Strategie der BBC berichtet.
http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/on/17363/1.html
Sowie im Anhang daran ein Leserbrief vom gleichen Tage, der auf das "Vorbild" der Deutschen Welle verweist.

Die BBC startet mit einem Online-Archiv in eine schöne, neue Fernsehwelt

Die alte Tante BBC [1], öffentlich-rechtliches Standbein der britischen Radio- und Fernsehkultur, will ihre Fernsehzuschauer von der Tyrannei [2] fixer Sendetermine und starrer Programmtafeln befreien. Der britische Medienriese plant [3], ein frei zugängliches Online-Archiv einzurichten, in dem zukünftig alle Fernsehsendungen sofort nach ihrer Ausstrahlung für sieben Tage abgespeichert werden sollen. Damit möchte die BBC ihren Zuschauern die Möglichkeit bieten, alle Sendungen zeitversetzt, also dann zu schauen, wenn es ihnen passt. Technisch soll das Online-BBC-Archiv über Peer-to-peer-Netzwerke realisiert werden.

Die Emanzipation der couch potatoes

Die Zeiten, in denen die gesamte britische Fernsehnation wie auf Kommando alles stehen und liegen ließ, um sich zu festgelegter Zeit im Wohnzimmer rund um den Fernseher zu versammeln, sind längst vorbei. Der heutige Fernsehzuschauer lasse sich von starren Sendezeiten nicht mehr tyrannisieren. Jeder möchte seine Lieblingssendung schauen, wann und wo und mit welchem Endgerät auch immer es ihm am besten passt, meint Ashley Highfield [4], bei der BBC zuständig für den Bereich Neue Medien und Technologie und beredter Protagonist [5] des geplanten Online-Archivs.

Die BBC möchte ihren Zuschauern damit das kostenlose Angebot machen, das gesamte BBC-Programm zeitversetzt konsumieren zu können. Internet-TV auf Abruf heißt Highfields Devise. Die rapide wachsende Zahl derjenigen britischen Haushalte, die per schnellem Breitbandanschluss [6] mit dem Internet verbunden sind, macht dies technisch möglich. Was mit den ersten Videorekordern in den 1980er Jahren begann und vornehmlich in den USA mit personalisierbaren Videorekordern der Sorte TiVo [7] weiterentwickelt wurde, möchte die BBC nun vollenden. Fernsehkonsumenten sollen nicht nur wählen können, was sie sehen, sondern auch wann, wie und wo sie eine Sendung schauen.

Erster Feldversuch noch in diesem Monat

Den ersten Schritt in die von zeitlichen Reglementierungen befreite schöne, neue Fernsehwelt geht die BBC noch in diesem Monat. In einem dreiwöchigen Probelauf wird ein Online-Archiv mit ausgewählten Fernsehsendungen ins Netz gestellt. Über eine Einstiegsseite mit entsprechender Suchfunktion, dem so genannten Internet Media Player (iMP), lassen sich die angebotenen Inhalte auf den eigenen PC laden. Den Testpersonen soll es überlassen bleiben, wie, wo und wann sie sich die heruntergeladenen Sendungen anschauen wollen. Sie können sie direkt auf dem PC-Monitor konsumieren oder auf DVD brennen und per DVD-Player wie gewohnt im Fernsehen betrachten. Auch die Downloadmöglichkeit auf einen PDA (Personal Digital Assistant) wird von der BBC angeboten.

In den Genuss des Online-Archivs kommen zunächst fünfhundert BBC-Mitarbeiter. Ihnen wird ein PDA ausgehändigt, mit dem sie auf etliche populäre BBC-Unterhaltungssendungen und -Serien sowie auf Dokumentarfilme, Fernsehspiele, Sportsendungen oder Nachrichten zugreifen können, nachdem sie im regulären BBC-Programm gelaufen sind. Jede dieser Sendungen soll ab Sendedatum eine Woche lang im Internet-Archiv gespeichert werden. Die Bildqualität auf einem PDA werde naturgemäß nicht überragend sein, gibt BBC-Mann Highfield zu. Sie sei aber ausreichend, um sich Fernsehsendungen unterwegs in Bus oder Bahn, oder wann immer man dafür Zeit habe, anschauen zu können.

In einem zweiten, größer angelegten Testlauf will man 1.000 Breitbandkunden der Internetprovider AOL [8], British Telecom [9] und Tiscali [10] in den Genuss des geplanten BBC-Archivs kommen lassen. Dieser Probelauf soll untersuchen, ob und wie sich die Fernsehgewohnheiten der Testpersonen ändern. Sollte die Resonanz positiv sein, werde man genauer über die technischen Möglichkeiten und Wege nachdenken, wie die Inhalte der BBC an den Mann, die Frau, das Kind zu bringen sind.

Wegen der riesigen Datenmengen und des enormen Transfervolumens, mit dem bei vollem Betrieb des Internet-Archivs zu rechnen ist, wird daran gedacht, das BBC-Archiv nicht über einen zentralen BBC-Server, sondern über ein Peer-to-peer-Netzwerk zu verbreiten. Die Vorteile lägen auf der Hand: Die Speicherung der riesigen Datenmengen geschähe dezentral. Ein Zugriff wäre problemlos und von überall her möglich. Die BBC hat mit British Telecom bereits im Februar dieses Jahres entsprechende Gespräche geführt [11].

7-Tage-Radio-Archiv bereits erfolgreich online

Absolutes Neuland betritt die BBC mit ihrem Online-Archiv nicht. Teile ihres Radioprogramms stehen bereits in einem 7-Tage-Archiv [12] online zur Verfügung und erfreuen sich eines regen Zuspruchs. Erstaunlicherweise sind dort Hörspiele der große Renner und nicht wie ursprünglich angenommen die populären Late-Night-Musiksendungen, die von BBC Radio One produziert werden. Das Angebot an online verfügbaren Radiosendungen soll künftig noch erweitert werden. Die BBC muss dabei auf eine komplexe Rechtesituation und eine derzeit hypersensible Musikindustrie Rücksicht nehmen. Es steht deshalb nicht zu erwarten, dass in absehbarer Zeit etwa Musiksendungen mit urheberrechtlich geschützten Musiktiteln online archiviert werden.

Der Erfolg des Radio-Archivs zeige Highfield zufolge, dass eine hohe Nachfrage nach zeitversetzten Radio- bzw. Fernsehsendungen vorhanden sei. Kaum einer wolle sich mehr vorschreiben lassen, was er wo und wann auf welchem Endgerät zu sehen habe, beschreibt BBC-Mann Highfield einen Trend, der exemplarisch auch für Musikfans gelte, von der Musikindustrie aber völlig verschlafen worden sei. Anstatt rechtzeitig die Vertriebswege über das Internet zu nutzen und alternative Vertriebsmodelle zu entwickeln, lief die Musikindustrie den neuen technischen Möglichkeiten kopflos hinterher und hat mittlerweile längst die Kontrolle über die Verbreitung "ihrer" Musiktitel verloren. Die BBC stünde laut Highfield vor ähnlichen Problemen. Wenn sie sich das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen wolle, müsse die BBC selbst aktiv nach Wegen suchen, um ihre Inhalte unter eigener Regie im Netz der Netze zu verbreiten:

If we don’t enter this market, then exactly what happened to the music industry could happen to us, where we ignore it, keep our hands in the sand and everybody starts posting the content up there and ripping us off.

Kommerzsender "not amused"

Ob die privaten Fernsehsender in Großbritannien dem Beispiel der öffentlich-rechtlichen Tante BBC folgen werden, bleibt abzuwarten. Sie werden zunächst davon profitieren, dass die Konkurrenzsituation durch die Möglichkeit, BBC-Programme zeitversetzt konsumieren zu können, entschärft werden könnte. Wenn zeitgleich attraktive, quotenträchtige Sendungen angeboten werden, müsste sich der Zuschauer nicht mehr alternativ für eine der beiden Sendungen entscheiden, sondern könnte beide bequem nacheinander schauen.

Online-Archive selbst zu betreiben, dürfte den Verantwortlichen des werbefinanzierten Kommerzfernsehens allerdings kaum einfallen. Sie könnten zwar die Werbespots in ihren Sendungen belassen. Doch Archivbenutzer werden diese Spots vermutlich rigoros wegklicken oder "vorspulen" - die Werbung liefe ins Leere, Sponsoren wären "not amused"

[1] http://www.bbc.co.uk/
[2] http://www.bbc.co.uk/pressoffice/speeches/stories/highfield_rts.shtml
[3] http://www.nzherald.co.nz/storydisp...
[4] http://www.bbc.co.uk/pressoffice/biographies/biogs/executivecommittee/ashleyhighfield.shtml
[5] http://www.bbc.co.uk/pressoffice/speeches/stories/highfield_rts.shtml
[6] http://www.heise.de/newsticker/meldung/46895
[7] http://www.tivo.com/0.0.asp
[8] http://www.aol.co.uk/
[9] http://www.bt.co.uk/index.jsp
[10] http://www.tiscali.co.uk/index_new_002.html
[11] http://www.theregister.co.uk/2004/02/17/bbc_ponders_p2p_distribution
[12] http://www.bbc.co.uk/radio/aod/index.shtml?button

Und hier eine der ersten Antworten von einem noch nächtlich gut aufgelegten "mnemon@gmx.net" vom 6. Mai 2004 2:55

Ich will ja nicht meckern....
... oder gar die Verdienste der BBC kleinreden, die nach wie vor zu
dem besten gehört, was es in der Flimmerkiste gibt.
AAABER unser deutsches Pedant, die Deutsche Welle, hat ihre Sendungen
auch schon jeweils für einen ganzen Monat on Demand abrufbar, und
zwar ebenfalls ALLE, und zwar ebenfalls als Breitband.
Zugegebenermaßen eine andere Qualität, dafür zahlen wir knauserigen
Deutschen der DW halt nur 200 Millionen fürs Fernsehmachen und die
BBC kriegt n paar Milliarden.
Wie Fritz Pleitgen mal sagte: "Die Machen Fernsehen mit nem Budget,
da mache ich nicht mal die Sendeplanung"
Grüße
Der Mnemon

Zitiert nach: http://www.heise.de/tp/foren/go.shtml?read=1&msg_id=5612646&forum_id=56119