ChariCheck IX

Auch dieser Eintrag [1] aus der Station 116 im Charité-Bettenhaus wird relativ kurz bleiben. Denn ein T-Online-Zugang zu dieser Seite ist heute nur noch auf dem sogenannten EDGE-Level möglich. Und das ist dann noch langsamer als sonst.

Aber es ist doch bemerkenswert an dieser Stelle noch einmal festzustellen, wie wichtig es ist, selber die mentale wie intellektuelle Kontrolle über all jene Prozesse zu behalten, die hier in einem solchen Hause abgehen und zu bewältigen sind.

Dabei ist klar, dass viele von den Fachbegriffen und deren Bedeutungen dem Patienten nicht bekannt sein können. Es stellt sich aber auch heraus, dass er sich diese ebenfalls aneignen muss - zumindest im Kernbereich jener Thematik, die seine eigenen Beschwerden betrifft.

Das wird spätestens klar, als - wie gestern geschehen - es dem Patienten übertragen wurde, Daten und Begriffe aus seinen eigenen Unterlagen herauszusuchen, die für die Bestimmung des weiteren Verlaufs der Krankheitsgeschichte von Bedeutung sein könnten.

Dazu wurden aus dem Sammelordner gut und gerne mehr als dreissig Termine herausgesucht, die in den letzten vier Jahren mit und in diesem Hause vereinbart und wahrgenommen wurden. Und dazu die zugehörigen Labor-Daten-Sätze.

Theoretisch, so war bis dahin die Annahmen, sollten diese auch alle dem Hause vorliegen. Mehr noch: Wenn dem so wäre, müsste es doch möglich sein, mit einem entsprechenden Datacrawling-Verfahren all diese Aussagen miteinander in Bezug zu setzen.

Vielleicht geschieht das auch längst. Aber dem Patienten wird kein Einblick in seinen eigenen Datensatz gewährt. Und von daher ist weder klar, was jetzt im Haus wem bislang wirklich bekannt sein könnte, und wie es bislang ausgewertet wurde.

Der Umstand, dass es bis zum Mittag dieses Tages noch mehr als genug Zeit gibt, dies alles zu notieren und - wenn auch bei nur eingeschränkten Datentransferbedingungen Online zu stellen - hat damit zu tun, dass selbst die bis dato gemachte Ansage, an diesem Tag entlassen zu werden, plötzlich wieder in Frage zu stehen scheint.

Zumindest bis zu dem Zeitpunkt der ersten Visite, die um ca. zehn Uhr am Vormittag erfolgte [2].

Während des Mittagessens trifft dann noch einmal der Chefarzt ein. Der Auftritt erinnert an den Einzug des geistlichen Oberhauptes einer Kirche, die "Familien"-Aufstellung ist sehr deutlich strukturiert und ritualisiert. Anstatt des Weihrauchs wird ein ganzer Wagen mitgeführt, hinter dem Wer-weiss-was-auch-immer verborgen ist.

Das Angebot, während des Gespräches doch am Tisch sitzen zu bleiben, wird nicht angenommen. Aufstehen ist angesagt, denn der Dialog ist in diesem Moment wichtiger als das Essen. "Ah... sie wollen ein Gespräch auf Augenhöhe?!" - so die Reaktion. Und dann reden wir miteinander: der Herr Professor Dr. med. und der Patient Dr. phil. - und: Es klappt mit der Verständigung.

WS.

[1Der "ChariCheck VIII" - Eintrag wird entfallen. Denn das wichtigste Ereignis des vorangegangenen Tages war die Nachricht vom Tode von Michael Ballhaus. Wir kannten uns seit seinen Dreharbeiten für die TV-Film "Pinkville" Ende der sechziger Jahre. WS.

[2Der Vorteil, sowohl in den vergangenen Tage als auch heute war der Besuch eines Physiotherapeuten (die zwei Tage zuvor) und einer Ergotherapeutin (heute) die mit ihren Übungsvorschlägen und -Anweisungen wichtige Hilfestellung zu geben in der Lage waren.