Rudi Riese: "raus"

Rudi Völler, der zurückgetretene Teamchef der Nationalmannschaft des Deutschen Fußball-Bundes (DFB)auf der letzten Pressekonferenz vor der Abreise aus Portugal im Quartier in Almancil : "Es geht jetzt nicht um mich"

Frage: Herr Völler, ist Ihre Mission gescheitert?

Rudi Völler: Ich hätte gern bis zu der WM 2006 in Deutschland gearbeitet, aber ich hatte das Gefühl, dass das nur jemand machen kann, der unbefleckt ist und einen gewissen Kredit hat - so wie ich ihn vor vier Jahren hatte. Es werden schwierige zwei Jahre, in denen es nur noch Freundschaftsspiele geben wird. Vielleicht sagen viele, dass ich weiter machen soll, es darf aber jetzt nicht um mich gehen. Denn wenn man einen Rucksack mit sich rumschleppt wie dieses Vorrunden-Aus, hat man kein gutes Gefühl dabei.

Frage: Es war aber ein Traum von Ihnen, die Nationalmannschaft bei der WM 2006 im eigenen Land zu betreuen. Wie schwer ist Ihnen der Rücktritt gefallen?

Völler: In diesem Geschäft muss man manchmal egoistisch sein, um Erfolg zu haben, aber Egoismus wäre jetzt der falsche Freund. Es wäre fatal, am Stuhl zu hängen. Ich darf meinem Nachfolger nicht diese Chance nehmen, die Nationalmannschaft die kompletten zwei Jahre auf die WM vorzubereiten. Das wäre nicht korrekt.

Frage: Wann haben Sie sich zu diesem Schritt entschlossen - schon, als Sie nach dem Spiel zu den deutschen Fans gegangen sind?

Völler: Ich stand noch unter dem intensiven Eindruck des Spiels, da ist man vom Kopf nicht frei. Wer mich kennt, konnte aber gestern nach dem Spiel schon heraushören, dass es nicht weiter geht. Aber ich wollte noch mit DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder und Generalsekretär Horst R. Schmidt sprechen, um Ihnen meine Beweggründe mitzuteilen. Das haben wir dann bis in die Nacht hinein getan.

Frage: Gab es Überlegungen in Richtung Rücktritt schon vor der EURO?

Völler: In Gedanken habe ich das Szenario schon durchgespielt, was passiert, wenn wir ausscheiden. Das ist aber auch legitim angesichts unserer schweren Gruppe mit den Favoriten Holland und Tschechien. Ich habe jedoch fest daran geglaubt, dass wir das Viertelfinale schaffen können.

Frage: Haben Sie schon die Mannschaft informiert?

Völler: Einige ältere Spieler haben es gestern Abend mitbekommen, da habe ich mich für die gute Zusammenarbeit bedankt. Sie haben betroffen reagiert, so wie ich das einschätze. Ich habe ja auch schon ein paar Nationaltrainer gehabt. Ich werde heute aber mit dem ganzen Team reden und mich noch einmal bedanken.

Frage: Sind Sie von manchen Spielern persönlich enttäuscht?

Völler: Natürlich hätte ich von dem ein oder anderen mehr erwartet. Aber die Spieler haben ja alles versucht, da kann man keinem böse sein. Die Zusammenarbeit war so, wie es sein muss. Ich mache der Mannschaft keinen Vorwurf. Am Ende zählt eben das nackte Ergebnis, und das war nicht mehr gut genug. Mit etwas Glück hätten wir zwar alle drei Spiele auch gewinnen können, aber wenn man ehrlich ist, haben wir gestern ja nicht gegen die erste Mannschaft der Tschechen gespielt, sondern gegen die Jungs aus der zweiten Reihe. Das war einen Tick zu wenig von uns.

Frage: Wie schätzen Sie die Perspektiven des Nationalteams ein?

Völler: Im Moment reicht es auf ganz hohem Niveau nicht, in den kommenden Wochen und Monaten kann es schon schwierig werden. Aber wir haben ein absolut intaktes Umfeld. Und ich bin überzeugt davon, dass genug junge Spieler nachkommen. Gegen Tschechien standen am Ende vier U 21-Spieler auf dem Platz. Außerdem gibt es noch Christoph Metzelder und Sebastian Deisler, die Großes mit der Nationalmannschaft erreichen können. Daher sehe nicht schwarz für die Zukunft. Es ist diesmal ganz anders als vor vier Jahren. Da hatte man doch das Gefühl, dass nichts Gescheites nachkommt.

Frage: Raten Sie zu einem Schnitt, zu einer weiteren Verjüngung, wie es in der Öffentlichkeit zuweilen gefordert wird?

Völler: Davor warne ich, es muss weiterhin ein vernünftiges Verhältnis sein. Es ist zwar richtig, dass einer wie Philipp Lahm trotz des Ausscheidens ein EM-Gewinner ist, weil es einfach Freude macht, dem Jungen zuzusehen. Aber man darf jetzt nicht in Hysterie verfallen, die Mischung muss stimmen aus jungen und erfahrenen Spielern.

Frage: Hat sich Ihr Verhältnis zum DFB geändert?

Völler: Nein, ich bin ein DFB-Junge, ich will bei der WM 2006 auf der Tribüne sitzen und den Jungs die Daumen drücken. Dafür sind sie mir zu lieb geworden in den vergangenen Jahren. Mein Verhältnis zum Präsidenten ist weiter sehr gut, offen und herzlich. In unserem Dialog gab es zwar auch mal Diskussionen, aber nie Probleme. Ich hatte das Gefühl, dass Gerhard Mayer-Vorfelder von meiner Entscheidung überrascht war und mit mir weiter machen wollte.

Frage: Wie beurteilen Sie die persönliche Bedeutung der vier letzten Jahre für Ihre Karriere?

Völler: Das war ein Meilenstein für mich. Es ist doch der Traum jedes Fußballers und Trainers, die erste Mannschaft eines Landes trainieren zu dürfen. Der Höhepunkt war natürlich die Vize-Weltmeisterschaft 2002. Sie ist ja fast wie ein WM-Gewinn gefeiert worden. Mit Michael Skibbe habe ich einen Freund gefunden, er war für mich mehr als ein Co-Trainer. Ich will die letzten vier Jahre nicht missen.

Frage: Was sind jetzt Ihre Pläne?

Völler: Ich ziehe mich nicht schmollend zurück. Ich nehme mir eine Auszeit, aber ich werde nicht auswandern. Ich will sicher wieder etwas im Fußball machen, aber wann und wie - das weiß ich noch nicht.

Zitiert nach der DFB-Website http://212.185.116.69/
vom 25.06.2004 09:10:00