DLR: Eine Selbst-Verständigung

0.

Nachdem seit Beginn des Monats begonnen wurde, etwas aufmerksamer, vielleicht sogar systematischer zuzuhören, was da so im Deutschlandradio-Orbit geschieht, stellt sich zur Verwunderung eine Veränderung der eigenen Hörgewohnheiten ein.

Du hörst nicht länger einfach nur für Dich selber zu, sondern beginnst Dir den Kopf zu machen über das, was über die Hörerfahrung einer eigenen Sendung hinausgeht.

Und beginnst Dir Fragen zu stellen, die eher mit dem "Drumherum" zu tun haben. Zum Beispiel über den Einsatz von Musik und Sounddesign. Oder über den Einsatz von Mobiltelefonen bei Interviews. Oder über die Menschen, die die Interviews vorbereiten und durchführen.

Und Du beginnst zu begreifen, warum diejenigen, die in diesem Orbit arbeiten, die davon leben, dass diese Menschen ein call for tender bzw. einen call for attention vom Stapel lassen: aus Betriebsblindheit.

1.

Zunächst zu den hier angesprochenen Punkten nur einige wenige Beobachtungen, auch wenn sie zunächst nicht die Lösung für die vom Intendanten gestellte Frage nach dem grossen Ganzen bedeuten mögen:

— Interviews über Mobiltelefone: Das mag ja begründbar sein, wenn es gar nicht anders geht, wenn der Politiker meint, nur in seiner "Staatskarosse" während der Fahrt erreichbar zu sein, wenn der Kritiker gerade noch zum Applaus den Saal verlassen kann, um seinen Kommentar einzusprechen, .... aber in vielen Fällen ist der Gebrauch dieser technisch unzureichenden Kommunikationswege eine echte Zumutung. Aber scheinbar inzwischen akzeptiert, da nicht einmal eine Entschuldigung für die schlechte Tonqualität nachgeschoben wird.

— Das Einspielen von Musiktiteln: Inzwischen zwischen fast jedem Beitrag. Und es ist in Sendungen wie Fazit fast ein Genuss, wenn es in dieser einen Stunde so viel zu erzählen gibt, dass die Zeit für einen musikalischen Zwischentitel nicht mehr reicht.

— Apropos "Fazit" - früher gab es die Regel, dass nur Titel gespielt werden, in denen nicht auch gesungen wird. Diese Regel ist inzwischen "out of rule". Wird aber jetzt wieder in den "Informationen am Morgen" aufgegriffen, seitdem auch dort kleine musikalische breaks gesetzt werden.

— Die Inflation des Sound-Designs: Das ist echt toll-dreist, was es da heute zu hören gibt. Das Ganze begann mal damit, dass - wenn auch nicht beim Deutschlandfunk - die Verkehrsnachrichten mit einem Musikteppich unterlegt wurden. Heute ist die Dramaturgie an diesem Punkt echt erwachsen geworden und es gibt tolle Möglichkeiten des Einsatzes von Sound-Design [1].

Aber dann gibt es auch Ausrutscher, die zeigen, wie der verfehlte Gebrauch eines solchen Mittels einen eh’ nur mittelmässigen Textbeitrag zu einer Zumutung werden lässt [2]

2.

Schon gestern wurde die Frage angesprochen, wo und wie die Programme Möglichkeiten der Identifikation anbieten. Dies sind aus der eigenen Perspektive jene Themen, mit denen man selber auch zu tun hat. Und Menschen, die man entweder über den Sender neu kennenlernt [3], oder die einem aus persönlichen Zusammenhängen oder beruflichen Verpflichtungen schon zuvor bekannt waren.

Auch heute gibt es dazu wieder ein Beispiel, als am Vormittag in der Deutschlandfunk-Sendung "Tag für Tag" ein Beitrag zum Thema Buddhismus und Bildung. Lesen in Laos wiederholt wird.

Nicht nur, dass die Autorin dieses Beitrags seit vielen Jahren persönliche bekannt ist und ihre Arbeit eine hohe Wertschätzung erfährt, das Thema ist es auch, der Ort ist es auch... und es gab sogar während eines eigenen Aufenthalts in Laos eine vergleichbare Begegnung, die unter anderem in diesem Reise-Beitrag vor Ort aufgezeichnet wurde: Luangprabang, Day ONE.

3.

Der Radio-Sender als Echo-Kammer? Ja - und nein! Klar ist, dass die exemplarisch vom Intendanten genannten Themen quer durch alle Schichten und Altersgruppen diskutiert werden. Aber wie?

Wie kann ich die letzten Stahlarbeiter aus der Region noch in dieses Gespräch um die Fragen nach Heimat und Identität einbeziehen? Oder einen Ministerpräsidenten, der am liebsten den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ganz abgeschafft hätte?

Der Erfolg dieser Aktion wird also nicht nur von der Auswahl der Themen abhängen, sondern vor allem von der Frage, von wem und wie sie zur Sprache gebracht werden (können).

4.

Dieser Frage soll ein eigener Punkt eingeräumt werden: Wie kann es gelingen, diese grossen Themen zu Sprache und in einem breiten öffentlichen Diskurs zur Geltung zu bringen, wenn jene, die als Mittler dafür in Dienst gestellt werden, unter immer grösser werdenden Sparzwängen zu leiden haben?

Oder, anders gefragt: Wer hat im eigenen Hause jenen gestern zitierten Beitrag zur Zukunft der Journalisten-Arbeit wirklich gehört, wer hat zugehört, wer ist bereit, dazu Stellung zu nehmen [4]?

Banken wurden trotz Misswirtschaft als systemrelevante Einrichtungen "gerettet", die Landwirtschaft kann sich nur mit Geld der Steuerzahler vor dem drohenden Untergang retten, während das Deutschlandradio die Kindersendungen in der Woche einstellen will und ihre freien MitarbeiterInnen finanziell immer weiter beschneidet [5]?

5.

Zunächst war an dieser Stelle der Satz eingetragen: "Wird fortgesetzt... aber jetzt muss erst einmal "richtig" gearbeitet werden ;-)" Und da diese Arbeit überhand nimmt, an dieser Stelle nur noch zweierlei: Der Programmhinweis auf ein Feature von Peter Kreysler über "Populistische Stimmungsmacher und ihre Schattenspender. Dunkelkammern der Demokratie."
Und die Kopie jenes Anschreibens, das heute an die Denkfabrik-Redaktion abgesetzt wurde:

Liebe Empfänger dieser Mail!

Dieses ist ein vielleicht ungewöhnliches Vorgehen, auf den Vorschlag zu reagieren, sich an der Denkfabrik zu beteiligen.

Seit dem 1. August 2018 habe ich begonnen, mir im Umfeld dieses Aufrufs Gedanke zu machen, diese aufzuschreiben und auf meiner Online-Publikation „DaybyDay ISSN 1860-2967“ zu veröffentlichen.

Das sind nicht alles publizistische Meisterwerke, es wird sich bestimmt noch die eine oder andere Formulierung finden, die nicht optimal ist, von Tippfehlern etc. ganz zu schweigen.
Aber es ist der ehrliche Versuch, als einer ihrer „treuen Hörer“ diesen Aufruf als Chance zu begreifen, etwas beitragen zu können, was vielleicht dann doch über den Tag hinaus Bedeutung hat.

Hier die Links zu den bisher eingestellten Beiträgen:

Vom 1. August 2018: http://daybyday.press/article6349.html
Vom 2. August 2018: http://daybyday.press/article6350.html
Vom 3. August 2018: http://daybyday.press/article6352.html
Vom 4. August 2018: http://daybyday.press/article6351.html

Vom 6. August 2018: http://daybyday.press/article6355.html
Vom 7. August 2018: http://daybyday.press/article6357.html

Was in den nächsten Tage noch kommen wird?
Machen sie es wie ich auch: lassen sie sich überraschen.

In diesem Sinne
Ihr

Wolf Siegert

Postwendend trifft diese automatisch generierte Eingangsbestätigung ein:

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für Ihre Mail und Ihre Beteiligung an der Denkfabrik! Bis 15.08.2018 sammeln wir alle eingehenden Vorschläge und diskutieren die verschiedenen Ideen bis Ende September im Haus. Alle aktuellen Infos zur Denkfabrik finden Sie unter www.deutschlandradio.de/denkfabrik.

Mit freundlichen Grüßen
Das Denkfabrik-Team
denkfabrik@deutschlandradio.de

[1Als Beispiel wird an dieser Stelle das in Punkt 5. genannte Feature genannt, das ab 19:15 Uhr im Deutschlandfunk gesendet wird.

[2Ein aktuelles Negativ-Beispiel ist die letzte Sonntags-Sendung, die sich schon mit ihrem Titel kein Ruhmesblatt verdient hat, und in der der Einsatz von Musikteppichen so ziemlich das Letzte ist, was da noch zu einer Verschlimmbesserung dieses Beitrages geführt hat: Die Roboter kommen näher. Auf Wunsch wird dieses auch gerne nochmals en detail begründet. WS.

[3Wobei es immer noch nicht einfach ist, mit diesen dann auch Kontakt aufnehmen zu können. Aber vielleicht wird da ja gerade im Hintergrund daran gearbeitet, dass diese Transparenz erhöht und der Gedanke des Dialoge gestärkt wird.

[4Und sei es, dass der Intendant statt der 50 EuroCent für die Zukunft einen Euro aus dem Rundfunksbeitragstopf verlangt, um den bevorstehenden Aufgaben von nationaler Bedeutung gerecht zu werden.

[5Siehe zum Beispiel den taz-Beitrag von Anne Fromm vom 26. Juni 2018 zu Kürzungen bei Deutschlandradio. „Kommunikations-GAU“ im Funkhaus.