DLR: Das "Radio (-Archiv) der Zukunft"

0.

Jetzt schlägt es aber zwölf: Mit diesem Beitrag solle der Autor doch nun endlich "zur Sache" kommen. Denn schliesslich würde sich der Sender mehr denn je darum bemühen, ein gutes Programm abliefern zu wollen: Mit diesem Programmangebot in seiner hohen Qualität und breiten Palette wolle man Tag für Tag ein Sounding Board dieser, "unserer" Gesellschaft sein.

Die Programm-MacherInnen sind ganz offensichtlich bemüht und motiviert, damit auch "unser" Radio zu sein - und es immer wieder neu zu werden. Und im Sinne dieser Absicht ist es legitim und erfreulich, dass wir als das Publikum angesprochen und in dieses Gespräch rund um die in Zukunft wichtigen Referenzen des public value mit einbezogen werden.

1.

Ob und wie dieses geht, darüber ist hier im Rahmen dieses Selbstversuchs in den letzten zwei Wochen immer wieder reflektiert worden. Dabei wurde im Verlauf dieses Prozesses nach und nach eine Veränderung dieses Reflexionsprozesses wahrgenommen: Von einem Radio, so wie es jetzt ist, hin zu einem Radio, wie es in Zukunft sein soll.

Will sagen. hier geht es nicht um "Das Radio der Zukunft", sondern um die Herausforderungen, die j e t z t angenommen werden müssen, damit es das Radio als - was auch immer - in Zukunft noch geben wird.

Aktualität? Ja! Reflexion und Hintergrund? Ja.
Und die jetzt ins Gespräch gebrachten Grundsatzfragen? Ja!

Um diese zu beantworten, bedarf es sowohl des Rückgriffs auf aktuelle Ereignisse als auch deren Reflexion. Und es bedarf darüber hinaus einer Haltung, einer Positionierung, die noch weit über das hinausgeht, was uns schon in langer Presse-Tradition in Form eines Kommentars angeboten wird.

2.

Was tun? Es gibt zwei Alternativen: Entweder seinen angestammten Arbeitsplatz zu verlassen, um nach "Bremen" zu ziehen, um dort als Musiker ein neues Leben zu beginnen (denn "etwas Besseres als den Tod findest du überall"). Oder vor Ort zu bleiben und dort "die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen".

Interessant ist an dieser Geschichte der Bremer Stadtmusikanten, dass jeder sie als Aussteiger-Couplet kennt, die in "Bremen" angekommen seien - im doppelten Sinne des Wortes: Dass sie ihr Reiseziel erreicht haben und dass sie dort als Musikanten angenommen wurden und ihr Auskommen gefunden haben.

Wer sich aber die Geschichte nochmals durchliest, wird damit vertraut gemacht, dass sie in der Wirklichkeit dieser Erzählung die Räuber in deren Haus nicht nur überfallen und daraus vertrieben haben, sondern dass sie sich schlussendlich selbst darin eingerichtet haben: als erfolgreiche Hausbesetzer.

3.

Der Journalist, die Journalistin des alten Typs hat ausgedient; die Verleger suchen sich neue Kräfte, die auch dann für sie arbeiten, ohne noch darauf hoffen zu können, dass man sich auch um sie kümmern werde, wenn sie einmal ausgedient haben sollten.

Dass diese Hoffnungen nicht erfüllt werden, haben sie, jede(r) auf ihre (seiner) Weise erfahren. Ihre Dienstleistungen waren nur für den Moment von Bedeutung, aber nicht von der Güte, dass man sich ihrer hätte erinnern wollen - oder sollen. Also haben sie den Anstalten den Rücken gekehrt und sich auf den Weg gemacht, um sodann als Helden einer Stadtchronik zu enden, oder als Kostprotzer, die sich von den Dingen und Gütern ernähren, die andere sich zuvor unrechtmässig angeeignet hatten.

"Bremen" ist überall... und nirgends. Es ist der Bestimmungsort für die Peilung nach einem neuen Leben, dass das Überleben sichert, und dieser Ort kann - letztendlich - überall sein. "Bremen", das ist ein Synonym für die Heimat als erfülltem Anspruch auf eine Grundversorgung. Oder, wie es die Firma Dallmayr als Angebot für ihren Picknickkorb formuliert: "Dahoam ist überall."

4.

Wenn das Radio - und damit Ihre MacherInnen - diesen Grundanspruch auf die Beschäftigung mit den grund-sätzlichen Themen seines Publikums erfüllen will, dann sind die vom Intendanten Raue gestellte Fragen nach der Identität und der Heimat in der Tat - als pars pro toto - von immenser Bedeutung. Wenngleich auch in einem, in dessen An-Frage an sein Publikum zunächst so gar nicht intendierten Sinne.

Aber je länger im Verlauf dieser zwei Woche über diese Aufforderung zur Teilnahme an der "Denkfabrik" des Deutschlandradios nachgedacht wird, desto deutlicher kristallisiert sich der Eindruck heraus, dass die an uns im Publikum gerichtete Anfrage nach Themen und Begriffen die für uns grundlegend Sinn machen, zugleich auch zu einer Sinnfrage an und für "sein" eigenes Haus werden kann.

Also: Das Radio als Heimat; die Sinnhaftigkeit seiner Identität, als eine Mischung von Sinnlichkeit und Authentizität, von Aktualität und Verantwortlichkeit, von dem Wissen um seine nationale Bedeutung und der Bereitschaft, jegliche Form der Infragestellung eben all dieser Begrifflichkeit zuzulassen.

5.

Es ist in den letzten Jahre immer wieder und immer häufiger von den neuen Plattformbetreibern die Rede gewesen, die sich als neue Intermediäre als Alternative zu den klassischen Rundfunkanbietern verstehen und diese auch mit zunehmender Souveränität und Vehemenz beim Publikum durchzusetzen verstehen.

Die Annahme, dass allein mit der erfolgreichen Digitalisierung des Rundfunks auch die Basis für seinen zukünftigen Erfolg gelegt, ja sogar garantiert werde, läuft ins Leere.

Die Digitalisierung mag eine Conditio sine qua non sein, aber sie allein ist in keiner Weise der Garant eines Erfolgsrezeptes für das Radio der Zukunft. Ja, Leute wie Kleinsteuber sagen sogar:

Hätten sich die Vorgaben der Radio-Technikentwickler tatsächlich an zivilgesellschaftlichen Perspektiven orientiert, hätte man erst einmal kostengünstige, dezentrale Sender für die Community-Szene entwickeln müssen - gern auch digital, aber bitte evolutionär auf die analoge Frequenz aufsetzend.

Wird eines solche Position ganz konkret auf die Programmgestaltung und -bewerbung des Deutschlandradios bezogen, so sei hier die Frage gestellt, warum es auf keiner der analogen Frequenzen - inklusive ihrer Reproduktion in der Internet-Welt - eine Crosspromotion für die Programmangebote von Dlf Nova gibt?


6.

Mehr noch, warum wird nicht zum weiteren Ausleuchten der derzeit unter dem Begriff "Hintergrund" behandelten Themen ein Zugriff auf weitere Angebote gemacht, die dieses Thema weiter vertiefen, ergänzen, erweitern?

Der grösste Schatz einer solche Anstalt ist das Know-how der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - und: sein Archiv. Dort schlummern die von uns bereits finanzierten Dienstleistungen, die in sinnige und sinnliche Formate umgesetzen Erkenntnisse der vielenUrheberinnen und Urheber. "As Time Goes By... The fundamental things apply..." damit ist nicht nur der sehnsuchtsvolle Blick in die Vergangenheit gemeint. Sondern mit der Aufforderung "Play It Again, Sam" ist auch die Aufforderung verbunden, dass die uns so wichtigen Themen, wie die von der Identität und der Heimat, eben nicht nur aus der Gegenwart heraus zur Darstellung gebracht, sondern auch aus ihrer Geschichte heraus jeweils neu bestimmt werden - um ihnen damit eine Validität für die Zukunft zu geben.

7.

Im und mit dem Radio wurde Geschichte geschrieben - und heute wird diese Rolle noch in der Position eines all-täglichen "Kalenderblatt"-Beitrages am Leben gehalten. Seine Archive sind kein Ort für Nostalgie, sondern für die Wiederentdeckung von Zeitläuften in einem Moment, in dem mit der zunehmendenn Digitalisierung der Wahrnehmung von Zeit-Räumen deren Erfahrung so sehr in den Hintergrund gedrängt wird, dass sie ersatzweise mit Technologien einer 3D- oder VR-Welt wieder zum "Leben" erweckt werden.

Das hier Gesagte spricht also nicht gegen die Digitalisierung der Archive, sondern fordert vielmehr dazu auf, im Verlauf dieses Prozesses sogleich für deren redaktionelle und dramaturgische Aufarbeitung Sorge zu tragen: Und dafür kann mit dem jetzt in und für die Denkfabrik an- und abgefragte Kanon der wirklich wichtigen Themen eine gutes Referenzcluster ausgerollt werden.

Es ist noch nicht lange her, da wurden die drei Sendestrecken des Deutschlandradios mit diesen drei Begriffen zusammengefasst: "Denken. Fühlen. Wissen". Aber schon bald werden wir vergessen haben, dass das Denken Freiräume benötigt, das Fühlen die Möglichkeit, die Gedanken auch in die Welt des Un- und Vorbewussten ausschweifen zu lassen - und dass das Wissen all jener Darstellungen bedarf, die uns das Panoptikum der Geschichte in den Geschichten des vergangener Alltäglichkeiten anschaulich bereithält: Wenn wir nur wieder bereit wären, sie in das öffentliche Bewusstsein zurückzuholen.

Das Rundfunk-Archiv ist ein Werkzeug in der digitalen Ad-hoc-"Kultur" jene Dimension wieder zur Wirkung zu bringen, die uns mit dem Fortschreiten der Möglichkeiten einer unmittelbaren Wunscherfüllung verloren gegangen ist.

Die Rundfunkarchive müssen sich in eine unmittelbar zugängliche Er-Finde-Plattform transformieren lassen, in der aus der digitalen Allgegenwärtigkeit des "Jetzt" die dort wieder entdekte Geschichte zum Geburtshelfer der eigenen Zukünfte wird.