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An diesem Wochenende stand erstmals nicht die Arbeit im Vordergrund. Was für Andere eine Selbstverständlichkeit, war für mich die Ausnahme von der Regel. Dieses Wochenende gab vielmehr einen Einblick in jene Art des Lebens, das in der allgegenwärtigen Diskussion über die zukünftige Gewichtung von Arbeits- und Freizeit Gegenstand so vieler Debatten und so vielfältiger anstehender Entscheidungen ist.

Eine Debatte, die aus der Sicht eines Selbständigen oft den Charakter einer Geisterdiskussion annimmt, werden darin doch viele von jenen Ansprüchen und Rechten, Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten verhandelt, die der eigenen Lebenspraxis sehr fern sind.

An diesem Wochenende aber gab es eine seit langem überfällige Wiederbegegnung mit diesem Alltag, geprägt von so selbstverständlich und allen Anwesenden geläufigen Themen wie Freizeitplanung, Vereinsleben, Austausch von Kochrezepten und Urlaubsbereichten.

Es war fast wie ein Schock. Dabei sind in dem eingeladenen Kreis der Versammelten samt und sonders nur Menschen zugegen, die sich alle eigens aufgemacht haben, um für ein schon im Vorjahr angekündigtes privates Ereignis - zwei Geburtstage, die zusammen 111 Lebensjahre akkumulieren - einzufinden: von nah’ und fern, Freunde, gute Bekannte und Verwandte.

Unter den Anwesenden hätte es sicherlich keine(n) gegeben, der (die) nicht bereit gewesen wäre, auf eine freundlichen Ansprache zu reagieren, niemand, der sich verweigert hätte zu erläutern, wann und unter welchen Umständen er (sie) die Gastgeberin oder den Gastgeber kennen gelernt haben

Und doch will mir eben eine solche Ansprache. Es ist, wie wenn ich damit ein einen Raum von Verbindlichkeiten eintreten würde, den ich nicht zu meisten in der Lage wäre. Schon wenn ich ein neues Gespräch aufnehmen würde, wäre mir klar, dass es keine wirklichen Folgen haben würde. Nicht, weil die Anwesenden dazu nicht bereit gewesen wären, sondern weil die anstehenden beruflichen Zwänge dieses nicht erlauben würden.

So positiv das aus externer Sicht auch aussehen mag, dass derzeit so viele Aufgaben zur Erledigung anstehen, dass nicht einmal ein Sommerurlaub „drin“ ist: aus der eigenen Sicht ist eine solche Inanspruchnahme sehr viel weniger positiv. Wie heisst es doch bei Brecht: „wofür leistet man etwas, dafür, dass man sich etwas leistet“.

Also bleibt es dabei: ein fröhliches Wiedersehen mit alten und neuen Bekannten. Und doch sehe ich wieder einmal, wie weit diese allseits bekannte, zitierte und hier auch ein Stück weit gelebte Welt der Freizeit ein Fremdkörper ist in einem Leben, das von der Arbeit und den damit verbundenen Herausforderungen - und Chancen - verbunden ist.

WS.

PS.: Damit kein "flascher Zungenschlag" in diese persönlichen Anmerkungen kommt, als Gegengewicht hierzu ein Zitat aus der Süddeutschen Zeitung, die am nachfolgenden Dienstag, den 28. Juli, in einem Artikel von Michael Kläsgen über die Ergebnisse der WISI-Studie unter der Überschrift "Arbeit macht krank" wie folgt berichtet:

Die Studie kommt zwar von einem gewerkschaftsnahen Institut, repräsentativ ist sie aber dennoch. Insgesamt 2200 Betriebe und 1400 Personalräte hat das Düsseldorfer Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) befragt und kam anschließend zu dem Ergebnis: Seit fast zehn Jahren wird das Arbeiten in Deutschland ungesünder. Der Stress nimmt zu, die Arbeit wird mehr, und die Zeit, sie zu erledigen, kürzer. In neun von zehn Betrieben ist das so, ergab die Umfrage.

Den meisten Arbeitnehmern dürfte das aus dem Herzen sprechen. Aber die Forscher der Hans-Böckler-Stiftung veröffentlichten die Daten nicht aus diesem Grund. Die Umfrage platzt vielmehr in eine Zeit, da über längere Arbeitszeiten diskutiert wird, um Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern. "Dabei hat noch vor etwa sechs Jahren eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey ergeben, dass die Produktivität umso höher ist, je kürzer die Arbeitszeit ist", sagt Claus Schäfer, der beim WSI für die Erhebung verantwortlich ist. Das Ziel der Forscher ist es, diese Debatte mit ihrer Studie zu konterkarieren. Zumindest ist das ein gewünschter Nebeneffekt.

Kein Interesse

In erster Linie wollen die Wissenschaftler aber darauf hinweisen, dass sich gerade einmal die Hälfte aller Betriebe überhaupt um die Gesundheit ihrer Arbeitnehmer kümmert. Je kleiner die Firma, desto geringer das Interesse daran. Der Bundesverband Deutscher Arbeitgeber bestätigt dies indirekt. Der Verband hat noch nie eine Studie darüber angefertigt, ob die jeweiligen körperlichen oder psychischen Belastungen in einem Unternehmen die Mitarbeiter schädigen könnten.

Dabei fordert das Arbeitsschutzgesetz die Firmenchefs seit 1996 dazu auf, regelmäßig zu prüfen, wie stark die Beschäftigten gesundheitlich an ihrem Arbeitsplatz beansprucht werden. Dass solche "Gefährdungsbeurteilungen" selten erstellt werden, führt das WSI darauf zurück, dass Gesundheitsvorsorge in den meisten Betrieben überhaupt kein Thema ist.

Ganz abgesehen davon, dass sich Stress schlecht messen lässt, und das Interesse daran, ihn festzustellen, auf Arbeitgeberseite nicht außerordentlich groß sein dürfte. Kein Wunder, dass nur 14 Prozent aller befragten Firmen Betriebsvereinbarungen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz haben.

Kostenfrage

Dass die Umfrage des WSI eine so große Wirkung hat, überrascht. Denn streng genommen ist es nur auf eine Kampagne aufgesprungen, die die Bundesregierung und die Industriegewerkschaft Metall getrennt voneinander seit längerem führen - allerdings ohne sichtbaren Erfolg.

Weil sich die Düsseldorfer Forscher damit nicht zufrieden geben, werfen sie nun die Frage auf, ob das Arbeitsschutzgesetz denn tatsächlich seinen Zweck erfüllt, solange es auf der Freiwilligkeit der Unternehmen basiert und diese nicht zu einer innerbetrieblichen Gesundheitspolitik verpflichtet.

Denn die Studie ergab: Nur jede achte Firma hat von sich aus vorbeugende Maßnahmen gegen die Überlastung ihrer Mitarbeiter ergriffen. Kurzum: Im Prinzip steckt hinter der Erhebung des Instituts die Forderung nach einer Reform des Arbeitsschutzgesetzes. Dass es bald dazu kommen wird, bezweifeln die Forscher. Denn in Anbetracht der Wirtschaftslage scheuten die Arbeitgeber wohl die Kosten.