(es+u+cs+t)² + s + (tl+f)/2 + (a+dr+fs)/n + sin x - 1

Auch wenn uns dieser Artikel schon vorgestern aufgefallen ist: der Olympiade-Start war doch zu spannend und der Text aus Anlass des Nationalfeiertags in Korea vom 15. August musste auch "raus", so dass dieser - im Vergleich zu den anderen weit weniger aktuell, aber dafür umso "spannender" - erst heute zitiert wird. Darin geht es um:

Die oben zitierte Formel für den perfekten Horrorfilm

Anne Sigler und ihre Kollegen vom Londoner King’s College haben die fünf Hauptzutaten des ultimativen Horror-Gerichts aus zehn Filmen ermittelt, die zu den erfolgreichsten Werken des Genres gehören. Der erste Teil der Formel gibt die Spannung wieder, die wichtigste Ingredienz eines jeden Schock-Streifens: Die Summe aus eskalierender Musik (es), dem Unbekannten (u), Verfolgungsjagden (cs) und dem Eingeschlossensein (t) wird quadriert, auf dass sie das angemessene Gewicht in der Gleichung gewinne, ergänzt um den Wert für Schreckeffekte (s).

Damit ein Film ordentlich ängstigt, muss er nach Meinung der Forscher auch das Gefühl vermitteln, die Schrecken auf der Leinwand könnten sich tatsächlich ereignen. Alles, was zu weit hergeholt wirke, dämpfe die Angst. "The Texas Chainsaw Massacre" etwa, einer der zehn Filme auf der Liste der Mathematiker, zeige nicht nur die realistische Vision eines Wahnsinnigen mit Kettensäge. Seine Gesichtsmaske enthalte obendrein eine Anspielung auf den echten Mörder Ed Gein, und nicht zuletzt habe das Filmstudio behauptet, der Streifen basiere auf einer wahren Geschichte. In der Formel der Briten besteht der Realismus aus der Hälfte der Summe aus Authentizität (tl für "True Life") und Fantasy (f).

Die richtige Umgebung macht ebenfalls einen wesentlichen Teil eines guten Schockers aus. Je kleiner die Zahl der Charaktere und je düsterer die Szenerie, desto größer die Angst beim Zuschauer - besonders, wenn er sich mit der Isolation der Personen identifizieren kann. Als klassisches Beispiel nennen die Mathematiker die berühmte Dusch-Szene in Alfred Hitchcocks "Psycho", in der das Mordopfer Marion Crane allein, nackt und völlig verwundbar dem Messer ihres Mörders (Anthony Perkins als Norman Bates) ausgesetzt ist. Die Zutaten in der Formel: Einsamkeit (a), dunkler Raum (dr) und Filmszenerie (fs), geteilt durch die Zahl der Personen.

Spritzendes Blut und hervorquellende Innereien sind laut Sigler und ihren Kollegen dagegen nicht notwendig, um einen Film wirklich gruselig zu machen. Zu viel des Blutes könne sich sogar nachteilig auswirken, weshalb die Mathematiker einen Maximalwert ansetzten, der auf dem Scheitelpunkt einer Sinuskurve sitzt. Werde er überschritten, gleite der Film schnell vom Super-Schocker ins Mittelmaß ab. Die optimale Balance habe "Der Weiße Hai" von Steven Spielberg gefunden: gerade genug Blut, um dem Zuschauer Angst zu machen und ihn nicht anzuekeln.

Dann wäre das noch das Stereotyp: Sind die Charaktere zu flach und durchschaubar, hat der Zuschauer den Eindruck, alles schon einmal gesehen zu haben - deshalb ein Abzug von 1 in der Formel. Ein wirklich guter Gruselfilm meidet nicht nur Stereotypen, sondern spielt mit ihnen - wie etwa in Kubricks "The Shining": Jack Torrence, brillant verkörpert von Jack Nicholson, wird vom liebevollen Familienvater zum rasenden Irren, der mit der Axt auf Frau und Kind losgeht.

Auch die isolierte Umgebung des Hotels, der zurückhaltende Einsatz blutiger Szenen und der dramatische Höhepunkt machen "The Shining", der auf dem gleichnamigen Roman von Stephen King basiert, nach Meinung der Mathematiker zum Idealtypus des Horrorfilms. Die Frage, wie einsam der Mensch, wie dunkel der Raum und wie spannend die Musik ist - und zwar in Zahlen - bleibt offen. Und schafft reichlich Platz für die nächste Formel.

Die Zitate sind Auszüge aus dem Text von Markus Becker in SPIEGEL ONLINE - 16. August 2004, 14:53
URL: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,313516,00.html