Bahn - Fahrt - Notate

0.

Alle nachfolgenden Aufzeichnungen sind nicht wirklich von Belang.
Wer also keine Zeit verlieren will, sollte diese Seite überschlagen.
Wer sich auf scheinbar nebensächliche Beobachtungen einlassen will, um dabei möglicherweise gerade in diesen Kleinigkeiten etwas von dem GrossenGanzen zu entdecken, ist herzlich eingeladen, diesen Text nachzulesen.

1.

Es sind die Aufzeichnungen von und rund um eine Bahnfahrt. Regelmässige LeserInnen haben derer bereits mehrere lesen können. Insbesondere solche, die sich um die Einrichtung und erstmalige Nutzung der Strecke Berlin – München – Berlin drehen [1].

Heute wird einmal mehr diese Strecke genutzt. Mit einer Hin- und Rückfahrt am gleichen Tag. Ab Berlin Hbf um 6:30 Uhr, zurück Ankunft um 0:31 Uhr. Früher unglaublich, heute wahr.

Und das ist Anlass genug, nochmals darüber zu schreiben. Jetzt, wo der Regelbetrieb Gang und Gäbe ist.

2.

Einmal mehr ist die Wagenreihung nicht die angekündigte, aber die umgekehrte Reihenfolge wird rechtzeitig angesagt. Der Internetzugang ist auf dem mitgeführten Rechner nicht möglich, wohl aber auf dem Smartphone. Und der Service-am-Platz-Mensch kann nur Filterkaffee anbieten… aber, was soll’s: Es gibt einen reservierten Sitzplatz, mit Tisch und einer Steckdose, die Strom spendet, so dass der Schreibbetriebe die ganze Strecke über aufrecht erhalten werden kann.

Und es ist möglich, sich einen Moment umzuhören und umzuschauen, bevor die Arbeit am rollenden Arbeitsplatz aufgenommen wird: Am Bahnhofsvorplatz ist immer noch eine riesige Baustelle, aber es gibt genügend Parkplätze für Roller und Motorräder, mit denen man praktisch direkt bis „vor die Tür“ fahren kann. Auf dem Bahnsteig stehen schon viele Fahrgäste, die auf das Eintreffen des Zuges warten. Drei junge Leute in dunkler Kleidung, die sich über ihre Arbeit unterhalten. Eine von ihnen redet davon, dass sie jetzt eine „asiatische Hilfskraft“ beschäftigt haben…

… und Du denkst: „na warte, nicht mehr lange, und die Europäer werden die mehr oder minder qualifizierten Mitarbeiter und Handlanger asiatischer Unternehmen werden." Beispiele gibt es dazu schon heute zuhauf. Und das wohl wissend, dass in Zukunft eine Reihe von ihnen wiederum durch Maschinen, Roboter, Software ersetzt werden können.

3.

Die Reise nach München ist heute eine reine Dienstreise auf Einladung eines solchen asiatischen Unternehmens, aus Taiwan. Und es ist eine Reise in die Vergangenheit und zugleich in die Zukunft. In die Vergangenheit, da zu einem Zeitpunkt, als all die dort arbeitenden MitarbeiterInnen noch gar nicht geboren waren, an der katholischen Universität dieses Landes eine Gastprofessur wahrgenommen wurde. Und in die Zukunft, da sich dieses Unternehmen daran macht, mit seiner Soft-Hardware-Kombi den einst ganz neuen und heute schon fast „traditionellen“ NAS- und Servermarkt umzukrempeln.

Wir, die wir hier noch in der Komfort-Zone des „Made-in-China“-Verbraucher-Landes sitzen, sind schon lange die Nutzniesser von Entwicklungen, die aus Festlandchina, aus Hongkong und aus Taiwan kommen. Und wir scheren uns kaum darum, aus welcher dieser Regionen all die „chinesischen“ Produkte stammen, die wir im all-täglichen Einsatz haben. Zumal es in vielen Fällen auch gar nicht mehr ersichtlich ist, wer der Hersteller dieser OEM-Produkte ist. Wie zum Beispiel der in einem der letzten Artikel [2] erwähnten Telekom „Speedport“ Router, der von der Firma Huawei gefertigt und konfiguriert wird.

4.

Inzwischen sind wird in Leipzig angekommen. Die Fahrt verlief bislang ohne Problem. Jetzt wird die Fahrtrichtung gewechselt. Und da sich der Sitzplatz unmittelbar hinter der Fahrerkabine befindet, kommen jetzt zwei Zugführer vorbei, öffnen die mit Holzfurnier verkleidete Tür und verschliessen diese wiederum hinter sich (also anders als in anderen Zügen, wo man den Leuten durch die Glastüre direkt auf die Finger schauen konnte). Während der Zug noch steht, ist aus der Kabine „Störung, Störung“ zu hören und dann „AFB, AFB“. Und dann das Klingeln eines Mobiltelefons. Aber dann setzt sich der Zug, ohne weiteres Ruckeln und Zögern, wieder in Bewegung.

Der Blick durch die Sicherheitsscheibe - die an dem roten Punkt mit einem an der Seite angebrachten Hammer geöffnet, sprich aufgeschlagen und dann ausgebrochen werden könnte - verrät einen weiteren Sommer-Sonnen-Tag mit klarblauem Himmel und Temperaturen, die die 30°-Marke erneut übersteigen werden. Die Bodennebel auf den Feldern um die „Lutherstadt Wittenberg“ (warum war eigentlich diese Namensänderung notwendig, was hat sie gebracht, warum diese „Branding“ als Teil einer neuen Identität, die historische Persönlichkeit in den Mittelpunkt ihrer auch aktuell immer noch angesagten Wirklichkeit stellt?), diese Nebel haben sich inzwischen „in Luft aufgelöst“.
Der Blick ist klar und weit – und von den Spuren der DDR-Zeit ist kaum noch etwas zu entdecken.

5.

Es ist 8 Uhr. Zeit für ein Frühstück, einen vorab schon selbst gebrauten frischen Kaffee und für zwei Zeitungen, die vom Zugpersonal schon kurz nach der Abfahrt angeboten worden waren. Und, siehe da, der Berliner Bürgermeister ist gerade in Peking. Um von dort aus den Entwurf für eine Mietpreisbremse für „seine“ Stadt zu kommentieren; „rechtssicher“ müsse das Papier sein, das ja offiziell als Senatsvorlage noch gar nicht vorliegen würde.

Ansonsten kommt Asien in dieser Ausgabe der BILD-Zeitung nicht vor. Ausser, dass auf Seite 5 die Telekom in einer „Sommeraktion“ mit einem Huawei-Smartphone wirbt, bei dessen Kauf noch eine Huawei-Uhr dazu “geschenkt“ wird (auf der vorletzten Seite 15 gibt es noch Werbung für ein Suzuki-Auto, das war’s dann aber auch).

Während die Süddeutsche Zeitung auf der Titelseite mit einem Reuters-Foto aus Biarritz von den Präsidenten der USA und Frankreichs, Trump und Macron, titelt: „Entschlossene Mienen“ [[Eine Abbildung ist an dieser Stelle aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht möglich…] macht BILD DEUTSCHLAND oben auf der Seite 2 mit einem Bild von Präsident Trump (links) und Kanzlerin Dr. Merkel (rechts) auf. Dort ist zu sehen, wie der Mann der Frau einen Kuss auf die Nase drückt. Und die Redaktion titelt: „Küsschen-Offensive von US-Präsident Trump: Die Kanzlerin scheint es zu freuen.“

Und weiter: „Küsschen, Küsschen. Bussi, Bussi – an zärtlichen Gesten herrschte beim G7-Gipfel im französischen Badeort Biarritz kein Mangel.“ Gefolgt von der Ankündigung, dass sich der Präsident alsbald auf die Spuren seiner deutschen Ursprünge väterlicherseits in Rheinland-Pfalz machen wolle.

6.

Trotz mehr als 200 Km/h Geschwindigkeit und vielen Tunneldurchfahrten lässt sich aus dem Rechner über die SIM-Karte eine LTE-Verbindung herstellen, die es ermöglicht, diesen Text bis zu diesem Punkt schon online zu stellen.

Und danach ist erst einmal eine Ruhepause angesagt. Eine Augenmaske aus dem Flugzeug (Condor? Lufthansa?) und zwei Ohrenstöpsel (aus einer "City-Night-Line"-Schachtel - sic!) sind eine grosse Hilfe um wirklich für einen Moment richtig abscchalten zu können. Eine Wohltat, nachdem der"Tag" um 4:30 Uhr begonnen hatte.

Auf dem Rest der Strecke nochmals die Technik unter die Lupe genommen. Und eine Lösung gefunden, den Rechner nicht nur an das Stromnetz zu hängen, sondern auch ans Internet. Viel Zeit, danach nochmals weiterzuarbeiten, war dann aber nicht mehr. Denn der Zug trrf pünktlich kurz vor dem Bahnhof ein. Und blieb dort für geschlagene 12 Minuten vor dem BR-Gebäude stehen.

7.

Doch damit war es nicht genug mit den Verzögerungen. Auf die Frage, wo denn die Linie 18 Richtung Schwansee abfährt, wurde auf einen Ausgang verwiesen, der normalerweise auch der richtige sein mag, nicht aber, wenn der Betrieb der Tram auf dieser Strecke wegen Gleisbauarbeiten eingestellt worden sei. Ein Hinweisschild verweist auf eine Ersatzhaltestelle für einen SEV-Bus, der am Holzkircher Bahnhof halten soll.

Also den Weg dorthin angetregen, vorbei an einer Unfallstelle mit einem auf der Fahrbahn liegenden Roller, bis dass dieser Haltepunkt schliesslich gefunden wurde. Der Herannahende Bus wartet auch auf den Reisenden... um dann wieder zurück auf die andere Seite des Bahnhofs zu fahren (sic!!!).

Was soll’s. Es war genug Zeit eingeplant. Und als das Reiseziel schliesslich bei bestem Wetter nach nochmaligem Umsteigen (dann doch wieder in die Bahn) erreicht wurde, stellte sich heraus, dass die so früh angetretene und schliesslich dann doch erfolgreich abgeschlossene Anreise immer noch die beste aller gewählten Möglichkeiten war: andere Teilnehmer die aus Berlin mit dem Flieger hätten eintreffen sollen, sind bereits am Flughafen in Tegel gescheitert, weil der MUC angeblich an diesem Vormitag gar nicht hat angeflogen werden können.

8.

Dass die Bauarbeiten rund im den Bahnhof eine Reihe von weiteren Ungerimtheiten auch auf der Rückfahrt zur Folge hatten: geschenkt. Denn es hätte trotz all der Unbill immer noch genug Zeit gegeben, um am Stachus bei Rischart einige Brezen als Mitbringsel für Berlin einkaufen zu können - wenn es denn welche gegeben hätte. Was nicht der Fall war: Unglaublich - aber wahr.

Dafür war der "Rück-"Zug auf seinem angekündigten Gleis zu finden. Und es gab noch genug Zeit, um den gesamten Bahnsteig abzulaufen um schliesslich ganz vorne jenen Wagon zu finden, der nicht in Erfurt Richtung Leipzig abgekoppelt wird, sondern bis Berlin Hbf durchfahren wird.

Die Platzreservierung war ausgefallen, die Internetverbindung bricht nach kurzer Zeit wieder zusammen, aber die Klimaanlage funktioniert. Und es war genug Platz, um am Tisch den Rechner aufzustellen und die Füsse auf dem gegenüberliegenden Sitz abzulegen.

9.

Und Du denkst: schon erstaunlich, was so im Verlauf eines Tages alles geschehen kann; ein voller Tag in München und eine komplette An- und Abreise von und nach Berlin.

Bleibt nur noch zu wünschen, dass dieser hohe Grad der körperlichen Mobilität die Menschen, die ihn nutzen, auch zu einem (noch) höheren Grad an gestiger Mobilität beflügeln möge.

WS.

[1Einträge mit den Nachweisen folgen

[2Verweis folgt