Sind Messen Events?

Dominik Ruisinger stellt diese Frage in der Oktober-Ausgabe von "terradigitalis.net"

Am 22. September 2004 ging das diesjährige ART FORUM BERLIN zu Ende. Die Veranstalter der internationalen Messe für Gegenwartskunst zogen eine positive Bilanz: Mehr Besucher, eine volle Eröffnung, hohe Verkäufe, zufriedene Aussteller. Alles gut also auf der Messe. Doch war diese Messe auch ein ’Event’ im ’modernen’ Sinn? Oder allgemeiner gefragt: Sind Messen - ob ART FORUM BERLIN, ITB, Grüne Woche, CeBIT oder IAA - bereits im Event-Zeitalter angekommen? Oder - vielleicht auch zum Glück - noch nicht?

Versuchen wir es mal mit einer Definition des Begriffs Event. Um es gleich vorweg zu nehmen: eine einheitliche Definition ist bis heute noch nicht gefunden. Auch nach gut 15 Jahren des modernen Event-Zeitalters wird der Begriff sehr unterschiedlich genutzt, was nicht selten zu Verwechslungen und zu Missverständnissen führt. Wer sich die Mühe macht, sich durch die vorhandene Literatur, die Webseiten der wichtigsten Event-Agenturen oder durch Event-Foren zu lesen, der wird dies schnell selbst erfahren müssen.

DAS EVENT oder DER Event oder doch "ALLES Event?"
Es fängt schon mit dem Artikel an: Heißt es eigentlich DER Event oder DAS Event? Ist der exakte Artikel für den Inhalt nicht gar so entscheidend, gehen auch bei der Begriffsdefinition die Meinungen auseinander: Der Eine charakterisiert Events als Ereignis, als besondere Begebenheit, bei der es dem Event-Manager gelingt, ein Ereignis über den eigentlichen Anlass hinaus zu einem bleibenden Erlebnis im Kopf der Besucher zu machen. Für den nächsten ist es eine Veranstaltung, die vor Ort von ausgewählten Gästen - damit als geschlossene Veranstaltung - erlebt und als Platt-form zur Kommunikation genutzt wird. Für den Übernächsten ist wiederum eigentlich jede Veranstaltung ein Event - so wie die Begriffe übrigens ebenfalls meist synonym verwandt werden. Für die eine Fraktion sind Events einmalig und aktionsorientiert, für die andere Seite kann jedes Ereignis zu einem Event werden, so bald es die Emotionen der Zielgruppe anspricht. Für wieder andere Experten muss es sich um herausragende Ereignisse handeln, die Spaß und Vergnügen bereiten sollen. Also doch "Alles Event?!", wie ein literarisches Standardwerk im Titel heißt?

Schon diese Unterscheidungen in der Begriffsdefinition machen deutlich, wie schwer der Begriff Event auf das Thema Messe-Kommunikation überzustülpen ist. Würde fast jeder bei einer glamourösen Präsentation des neuen Porsche Boxster auf der IAA oder beim Besuch eines TV-Stars auf der Internationalen Funk-Ausstellung IFA eher von einem Event sprechen, stellt das reine Flanieren zwischen Messeständen diese Begrifflichkeit stark in Frage; und dies, obwohl es sich bei einer Messe um ein ein-maliges, zeitlich begrenztes und für viele durchaus spannendes Ereignis handelt und damit die Event-Kriterien pro Forma erfüllt wären.

Chancen für künstlerische Inszenierungen
Richtig ist: Auf jeder Messe ließen sich Themen finden und zum Event kreieren, wenn man nur wollte. Beispiel ART FORUM BERLIN: Rund 120 internationale Galerien aus gut 20 Ländern präsentieren aktuelle künstlerische Positionen von mehr als 1300 Künstler. Weiter heißt es im Programm: "Die Konzentration auf die Kunst des 21. Jahrhunderts hat das ART FORUM BERLIN zu dem Ort gemacht, an dem Trends gesetzt und neue Talente entdeckt werden. Seine ideale Ausstellungssituation mit außergewöhnlichen Standkonzeptionen ..:" .. Moment: Außergewöhnliche Standkonzeptionen? Sind dabei die klassischen Ausstellerboxen im eher sterilen Messe-Ambiente gemeint? Wo sind die Projektionen, die Dia- und Video-Shows, der Einsatz von - auch provokativen - Live-Elementen, die wirklichen Visualisierungen? Hat sich die Messe hier etwas zu viel auf ihre Fahnen geschrieben?

Das ART FORUM BERLIN spiegelt regelmäßig die wichtigsten und lebendigsten zeit-genössischen Kunstströmungen wieder. Und das weltweit. Und jedes Jahr von neuem. Hier werden neue Trends sichtbar gemacht, sind neue Talente zu entdecken. Jedem Event-Konzeptioner müsste es daher in den Fingern jucken, was hier alles möglich wäre. Und zumindest der PR-Erfolg wäre ihm sicher. Schon allein deshalb, da seine Inszenierung (noch) die Einzige wäre.

Man muss sich schon die Frage erlauben dürfen, wie denn Messen dieser Art in Zukunft aussehen werden: Ob sie sich auf diese Reduziertheit des Zur-Schau-Stellens von Produkten begnügen oder doch eines Tages neue Wege beschreiten. Vielleicht ist der jetzige Status Quo aber auch ganz gut so. So hat die Überflutung mit Reizen diese Institution noch nicht erreicht, die Konzentration gilt ganz der Kunst. Und dies pur. Das kann auch sehr angenehm sein. Heute noch. Denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Event-Manager auch diesen Elfenbeinturm der Puristen erklommen haben. Davon kann man angesichts der weiter wachsenden Bedeutung des Marketing-Instruments ’Event’ fest ausgehen.