Krebs?

Krankheit, Sterben, Tod... Themen die möglichst aus den Büros ferngehalten werden. Ob zu Recht oder der nicht soll an dieser Stelle weder diskuiert noch gewertet werden.

Wenn Sie aber keine Möglichkeiten haben, sich diesem Thema zu entziehen, dann entwickelt sich einfach eine höhere Aufmerksamkeit gegenüber neuen Nachrichten, die sich in diesem Zusammenhang anbieten.

Eine davon soll hier - stellvertretend für sie alle und damit auch für dieses Thema - als Zitat wiedergegeben werden. Es handelt sich um einen Artikel von Frau Martina Lenzen-Schulte aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 2. Juni dieses Jahres, der heute erstmals auf dem Pressespiegel der Webseite des
"Schweizer Verein(s) für Frauen nach Brustkrebs"
unter der Überschrift: Seelenschmerz mach keinen Krebs. mit der Unterzeile "Das hartnäckige Gerücht vom Einfluß der Psyche ist widerlegt" erschien und hier im vollen Wortlaut zitiert wird.

Medizinstudenten lernen heute, beim Magengeschwür sofort an den Erreger Helicobacter zu denken. Früher wäre jeder durchgefallen, der nicht zuallererst Streß als Ursache angeführt hätte. Ebenso verbarg sich in der Blütezeit der Psychosomatik hinter jedem Herzinfarktpatienten ein abgehetzter, ehrgeiziger Erfolgsmensch. Inzwischen erklären Rauchen, Bluthochdruck, Cholesterin und andere Risiken weit plausibler, warum Herzkranzgefäße verstopfen. Aber was Krebs betrifft, hält sich hartnäckig die Vorstellung vom Einfluß der Psyche: Kein Krebs ohne vorausgegangene seelische Belastungen, keine Heilung ohne den rechten Kampfgeist. Diese eingängige Formel wird nun durch Forschungsergebnisse aus Dänemark gehörig erschüttert.

In der Abteilung für Psychosoziale Krebsforschung der Dänischen Krebsgesellschaft in Kopenhagen untersucht die Arbeitsgruppe um den Epidemiologen Christoffer Johansen den Einfluß schwerer Schicksalsschläge auf die Erkrankungshäufigkeit. Die immer wieder vorgebrachte These, wonach familiäre Belastungen, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, Wohnungswechsel, Scheidung oder der Tod eines Angehörigen öfter einem Krebsleiden vorausgehen, als das mit Zufall zu erklären wäre, können die Forscher nicht bestätigen. Lebensbedrohliche Erkrankungen und das Sterben eines Kindes zählen zum Leidvollsten, das Eltern ertragen müssen. Gleichwohl kommt es bei ihnen nicht häufiger zu Krebs als bei Eltern, denen eine solche Prüfung erspart bleibt. Auch eine mit andauernden Sorgen verbundene Erkrankung des Kindes, etwa eine Schizophrenie, macht die Eltern keineswegs anfälliger für Krebs. Das geht aus der jüngsten, im "American Journal of Psychiatry" (Bd. 161, S. 903) vorgestellten Untersuchung der Kopenhagener Wissenschaftler hervor.

Wurzeln in der Antike

Die weitverbreitete Vorstellung, depressive Verstimmung sei ein Risikofaktor für spätere Krebserkrankungen, konnten die Forscher ebenfalls widerlegen. Schon Galen, der Leibarzt des römischen Kaisers Mark Aurel, meinte, daß schwermütige Frauen eher an Brustkrebs erkranken als fröhliche. Aber auch modernen Psycho-Neuro-Immunologen kommt die Depression wie gerufen, ihre grundsätzliche Annahme zu verdeutlichen. Sie besagt, daß die Psyche die Abwehrkräfte zu schwächen vermag. Als Beweis hierfür werden erhöhte Konzentrationen von Kortison oder eine geringere Anzahl und mangelhafte Funktion der Krebskillerzellen bei Depressiven ins Feld geführt. Da ein darniederliegendes Abwehrsystem für Krebsleiden anfällig macht, scheint sich der Bogen von der Psyche zum Krebs leicht spannen zu lassen. Jedoch ist eindeutig zu belegen, daß jene fast 90 000 Dänen, die zwischen 1969 und 1993 wegen einer Depression in einem Krankenhaus behandelt wurden, nicht häufiger an Tumoren erkrankten als die übrige Bevölkerung.

Was die Analysen aus Kopenhagen so überzeugend macht, ist das Identifizierungssystem für alle Dänen, das weltweit seinesgleichen sucht. Seit 1968 erhält jeder Däne bei Geburt eine unverwechselbare Identitätsnummer, die den Abgleich zwischen zahlreichen Registern und Erfassungssystemen erlaubt. So läßt sich beispielsweise lückenlos ermitteln, wer wann wegen einer Depression in eine Klinik eingewiesen wurde und welche dieser Personen später an Krebs erkrankte. Ebenso läßt sich herausfinden, wie häufig jene Eltern, die den Tod eines Kindes verkraften mußten, an Krebs erkrankten. Fehlurteile, die auftreten, wenn man sich auf Befragung von Patienten verläßt, werden auf diese Weise vermieden.

Keine Krebspersönlichkeit

Die "Erinnerungsfälschung" gilt inzwischen als ein Hauptübel bei Befragungen. Man weiß beispielsweise, daß auch Krebspatienten dazu neigen, eher negative Erlebnisse zu nennen als positive, weil sie darin eine sinnvolle Erklärung für ihre Krankheit vermuten. Aus ihrer ergiebigen Quelle schöpfend, widerlegen die Forscher in Kopenhagen nun ein Vorurteil nach dem anderen. Das gilt auch für die These von der "Krebspersönlichkeit". Die Versuche, Krebskranken typische psychische und emotionale Unzulänglichkeiten zuzuschreiben, die sie anfälliger für Krebs machen sollen, füllen Bände: Krebskranke unterdrückten ihre Gefühle mehr als andere Menschen, besonders ihre Ängste, sie stünden unter hohem Anpassungsdruck, seien wenig ehrgeizig, rigide, wenig tolerant gegenüber Fehlern anderer Menschen und von sich selbst eingenommen - die Liste ließe sich fast beliebig verlängern. Man hat sogar untersucht, ob Brustkrebs seltener bei ehrlichen Frauen auftritt als bei jenen, die mehr lügen. Nicht nur die dänischen Studien, sondern auch die Arbeiten des Psychologen Manfred Amelung von der Universität Heidelberg lassen keinen Zweifel an der Unhaltbarkeit derartiger Zuordnungen.

Bleibt schließlich die Frage, inwieweit die Psyche den Verlauf eines bereits ausgebrochenen Krebsleidens zu beeinflussen vermag. Wenn in diesem Sommer der ehemalige Krebspatient Lance Armstrong antritt, um mit einem sechsten Sieg in Folge sämtliche Rekorde der Tour de France zu brechen, scheint es darauf eine klare Antwort zu geben. Die Einstellung sei alles, verkündet Armstrong auf seiner Website, und mit dem Motto "Lebe stark" unterstützt er eine Initiative, die Krebspatienten wieder Mut machen will. Ein Siegertyp wie Armstrong ist die beste Werbung für die - wissenschaftlich allerdings längst widerlegte - These vom Einfluß des kämpferischen Geistes auf das Überleben von Krebspatienten.

Mit dem Befund, daß Brustkrebspatientinnen, die sich aktiv gegen ihre Erkrankung stemmen, anscheinend länger leben als jene, die sich hoffnungslos und hilflos ergeben, hatte 1979 Maggie Watson den angeblichen Einfluß der Psyche auf ein Krebsleiden wissenschaftlich salonfähig gemacht. Obwohl diese Beobachtung widerrufen wurde, hat man selbst danach noch Ärzte dazu angehalten, ihre Krebspatienten zur "richtigen" Einstellung zu drängen. Bis zu der Forderung nach einer auf "Denk positiv!" abzielenden Psychotherapie für Krebspatienten war es folglich nicht mehr weit.

Nach umfangreicher Sichtung der bisherigen Untersuchungen kam man in Kopenhagen indessen zu dem Ergebnis, daß durch derartige Interventionen weder das Überleben der Patienten verlängert noch ihr Wohlbefinden entscheidend gebessert wird. Man muß sogar befürchten, daß Patienten, die sich nicht zu einer optimistischen Einstellung durchringen können, unter moralischen Druck geraten und Schuldgefühle entwickeln ("European Journal of Cancer Care", Bd. 6, S. 249). Wer nicht geheilt wird, ist selbst schuld, lautet die Kurzformel, die sich nicht zuletzt zahlreiche selbsternannte Heilsbringer zu eigen machen. Hier schließt sich ein unheilvoller historischer Kreislauf. Denn der Begriff "psychosomatisch" taucht erstmals Anfang des 19. Jahrhunderts bei den Psychikern auf, die Krankheit ausdrücklich als Folge von Sünde verstehen.

Kaum gute Studien

Angesichts der großen Bedeutung dieser Fragen für die Millionen von Krebskranken in aller Welt ist es nach Ansicht von Johansen nicht zu begreifen, daß es erst wenige wirklich aussagekräftige Studien darüber gibt, was den Patienten wirklich hilft. Es gibt beispielsweise Hinweise, daß zwar nicht die niedergedrückte Psyche depressiver Patienten mehr Krebsleiden nach sich zieht, wohl aber ihre Neigung, mehr zu rauchen und mehr Alkohol zu trinken. Sinnvoll wäre es also zu prüfen, inwieweit eine Änderung des Lebensstils, etwa auch der Ernährungsgewohnheiten, eine schützende Wirkung entfaltet. Aber selbst wenn es hierüber noch keinerlei Klarheit gibt - wissenschaftlich eindeutig bleibt auch in diesem Sommer, daß nicht nur jene Menschen von Krebs geheilt werden, die ein gelbes Trikot erkämpfen.