50 Jahre TV - 75 Jahre Rühmkorf

Aus Anlass des 75. Geburtstags von Peter Rühmkorf - herzlichen Glückwunsch - anbei ein Auszug aus einem Gespräch, das er mit Wolfram Runkel und Christof Siemes aus Anlass von "50 Jahren Fernsehen in Deutschland" führte und in der ersten Ausgabe der "ZEIT" des Jahre 2003 veröffentlicht wurde unter der Überschrift

"Scheibe, die die Welt bedeutet"

die zeit: 25. Dezember 1952, das deutsche Fernsehen geht auf Sendung. Erinnern Sie sich?

Peter Rühmkorf: Damals war ich Student und wohnte zur Untermiete. Meine Wirtsleute hatten einen progressiven Schwiegersohn, einen dänischen Comiczeichner. Der forderte beim Eintritt in die Familie als Erstes: Hier gehört ein Fernseher rein. Der Apparat wurde, was ganz früher die Spinnstube oder der Kamin war: eine familiäre Thingstätte. Nicht wie heute, wo sich jeder einsam einen abguckt.

zeit: War wie immer damals alles besser?

Rühmkorf: Das Fernsehen hatte eine geselligkeitsspendende Funktion mit all dem Gegnicker und Gegacker. Heute ist es ein Isolationsinstrument, das die Gesellschaft in familiäre Monaden zerhäckselt.

zeit: Was lief damals?

Rühmkorf: Tagesschau hab ich immer geguckt. Ich weiß aber nicht mal mehr die Reihe der Nachrichtensprecher. Wer kam nach Irene Koss? War das schon Köpcke? Die Koss hatte dunkle Haare, sehr eigenartig, später bevorzugte man Blonde. Pflicht war auch Höfers Frühschoppen. Dabei gefiel mir nur einer nicht: der Hausherr himself. Wie er über seine Gäste verfügte. War schon ’ne ziemlich autoritäre Figur mit seinem dröhnenden Bass und seiner ganzen falschen Bonhomie.

zeit: Was war denn das erste nationale TV-Ereignis? Das Endspiel der Fußball-WM 1954?

Rühmkorf: Eine Freundin machte damals auf der Durchreise bei mir Station. Sie hatte nur ganz wenig Zeit und nahm es mir bitter übel, dass ich sagte: Zwei Stunden müssen wir uns rausschneiden, da musst du mit fernsehen. Die hielt mich für einen deutschnationalen Idioten.

zeit: Hatte sie Recht? Ist der Dichter als Sportler ein Anderer?

Rühmkorf: Im Vergleich mit Kultursendungen hat die Sportberichterstattung etwas Ehrliches. Da zählen Maßbänder, Stoppuhren, Messlatten, während Sie es im Lit-Betrieb immer nur mit Meinungen zu tun bekommen.

zeit: Ihr sportlicher Höhepunkt?

Rühmkorf: Stabhochsprung. Jürgen Hingsen gegen Dailey Thompson. War schon ’ne ziemlich nervschmirgelnde Partie und steckt mir heute noch in den Knochen. Dann die großen Boxkämpfe aus der Cassius-Clay- beziehungsweise Muhammad-Ali-Zeit, wo ich mir öfter mal den Wecker gestellt habe. Ich war kein besonderer Clay-Fan. Ich mochte dies pfauenhafte Geschwänzel nicht, schon gar nicht die große Schnauze und die ewigen Selbstanpreisungen. In dem berühmten Kampf gegen Frazier war ich die ganze Zeit auf Fraziers Seite. Absolut eiserner Wegstecker. Ein Zementsack an Durchhaltevermögen.

zeit: Stehen Sie heute noch für einen Kampf auf?

Rühmkorf: Die Klitschko-Brothers haben schon etwas Faszinierendes. Auf der einen Seite noch richtige Helden der Arbeit und auf der anderen diese Doktorhüte. Würde mich richtig freuen, wenn sie mal wieder einen Amerikaner zusammenhauten.

zeit: Als die Fernseh-Epoche begann, waren Sie Anfang 20 und politisch aktiv. Haben Sie damals gedacht: Diese Kiste wird die Welt verändern?

Rühmkorf: Man empfand es als große technische Sensation, die auf unser gesamtes Nervensystem übergriff. Nun habe ich so einen gewissen voyeuristischen Zug. Man kann es auch Spannertum nennen. Trotzdem befindet man sich hier in der allerbesten Gesellschaft. Siehe Goethe, Lynkeus der Türmer: „Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt.“

zeit: Wäre Goethe ein Fernsehgucker?

Rühmkorf: Ja. Man muss gucken, gucken, gucken. Wobei sich mir manchmal nicht nur der Magen, sondern auch das Auge umdreht.

zeit: Fernsehen ist aber folgenlos, man ist drin, ohne selbst ausgepeitscht zu werden.

Rühmkorf: Na ja, SM ist nicht gerade meine Richtung. Aber wenn sich da so ältere Herren auf heikle Romanzen mit jungen Mädchen einlassen, und dann schwebt auch noch so ein gewisser elegischer Schatten darüber, der die Tragödie bereits erahnen lässt...

zeit: Deshalb liest man aber auch Bücher, weil man Erfahrungen machen möchte, die einem sonst versagt bleiben. Ist also auch die Kiste Kunst?

Rühmkorf: Warum nicht - man muss bloß nicht gerade auf den Gedanken kommen, so ’n paar Dämlacks und die dazugehörigen Gaken in einen gemeinsamen Kommunikationskäfig zu sperren. Der grundsätzliche Unterschied liegt aber wohl in der Art der Einverleibung. Beim Leser bilden sich die Imaginationen im Kopf, während dir im Fernsehen alles aufbereitet zugeliefert wird. Das scheinbar augenfreundliche Entgegenkommen hat auch was mit Entfremdung zu tun. Man experimentiert nicht mehr in der eigenen Küche herum, sondern lässt sich von Bio in die Rolle des Topfguckers versetzen. Man geht nicht mehr auf Tanzpartys oder irgendwelchen Abenteuern nach, sondern lässt sich bei Vox und RTL2 was vorvögeln.

zeit: Gegen solche Reize ist die Literatur natürlich chancenlos.

Rühmkorf: Oft kehre ich reumütig zum Buch zurück, wenn mich wieder mal eins verschlingt. Das Fernsehen hat mich leider, leider von kontinuierlicher Lektüre getrennt. Es ist - verglichen mit dem Buch oder auch der Bühne - der große Radierer, dessen pausenloser Betrieb nicht auf Sammlung und Vertiefung von großen Eindrücken angelegt ist, sondern auf Dauerzerstreuung, was dann auf die Zerstreuselung der gesamten Person ausläuft. Es ist reine Lebenszeit, die dieser Apparat verschluckt.

zeit: Schalten Sie ihn doch einfach aus.

Rühmkorf: Gegen Obsessionen ist kein Kraut gewachsen. Diese Schaulust hat irgendwie was Verwandtes mit dem Sexualtrieb. Etwas Don-Juanistisches, das von einer Sensation zur nächsten jachtert. Und spätmitternachts weißt du schon gar nicht mehr, welche Berge du in der Zwischenzeit mitbestiegen oder in welche Dunkelkammern des Lebens du geguckt hast, in die man normalerweise gar keinen Einblick kriegt. Da gerät man fast zufällig in diese Na-wie-nennt-man-die-Shows, in denen absolut aus dem Leim geratene Gestalten ihr gesamtes grauenhaftes Inneres erbrechen. Und obwohl sie hier nur die Vorgeführten sind, halten sie sich für die ganz großen Selbstdarsteller. Über das anschließende Spießrutenlaufen der armen Authentics in ihren Wohnvierteln magst du dir schon gar keine Gedanken mehr machen.

zeit: Warum begeben sich die Leute in das Medium, das sie dann öffentlich hinrichtet?

Rühmkorf: Offensichtlich hängen der Schautrieb und der Trieb, sich zur Schau zu stellen, auf geheimnisvolle Weise zusammen. Diese Scheibe, die die Welt bedeutet, stellt eine ungeheure Versuchung dar, in dieser virtuellen Sphäre mal ’ne richtige Paraderolle zu spielen. Einem ordentlichen Beruf nachgehen und sich dort vom Lehrling zum Gesellen und schließlich Meister durchzutischlern oder hochzuklempnern - welche Zumutung! Sich in der Politik als Kanalarbeiter voranwurschten und über den unbezahlten Posten eines Ortsvorsitzenden womöglich nie hinausgelangen - Gott soll mich schützen. Aber was heißt hier überhaupt Gott? Die Kirche als so genanntes Über-Ich - von keiner Seite her mehr ernsthaft wahrgenommen. Die Politik als gesellschaftsspendender Klebstoff - der reine Bröckelzement. Die Familie als Traditionsverband und Vermittler von irgendwelchen Maßhaltetugenden - absolut am Arsch vorbei. Die Schule als Bildungsstätte und Bewährungsstation für ein perspektivisch gedachtes Curriculum - na, da liegt doch die Bierbude gerade richtig auf dem Weg. Aber das Fernsehen! Glauben Sie mir, wenn die Aufgabe hieße, eine Stunde lang Generalauskotze und am Ende Harakiri, die Leute würden das machen!

zeit: Und doch gucken Sie. Verachten Sie sich für Ihre Abhängigkeit?

Rühmkorf: TV hat mit Sicherheit etwas Drogistisches. Und manchmal predigt man auf sich selbst ein: Mensch, du hängst schon ziemlich willenlos an der Nadel. Das heißt, man hat sich wieder mal an den Sehnerven über den Tisch ziehen lassen. Um nicht vollends zum Fall zu verkommen, muss man sich in die Zucht nehmen, was uns in die Nähe von gewissen Heiligenlegenden führt. Hieronymus vorm Gehäuse im Gehäuse. Hat sich gerade mal wieder andächtig in das Buch der Bücher vertiefen wollen, Mose 19, der Untergang Sodoms und Lots wunderbare Errettung, und da kann er es doch nicht lassen, noch mal schnell in der Fernsehzeitung zu blättern: so ein Dino-De-Laurentiis-Streifen über Lot und seine Töchter. Na ja, das Auge ist leider ein willfähriges Organ. Es überlegt gar nicht erst lange, sondern packt zu.

zeit: Gab es so etwas wie Ihr Erweckungserlebnis in diesem Medium?

Rühmkorf: Leider zu viele. Ich möchte beinah jede Bundestagsdebatte in Augenschein nehmen. Interessant auch diese Faszination durch ausgesprochene Hassgestalten, Strauß seinerzeit, most hated und moralisch verwurmt. Aber der pure Augenleim.

zeit: Also gibt es die Mediendemokratie, über die heute so viel gejammert wird, schon lange?

Rühmkorf: Nein, zum Jammern war früher kein Anlass. Heute haben sich die Gewichte in einem Maße verschoben, dass man gar nicht mehr weiß, wer eigentlich die demokratisch gewählte Volksvertretung ist. Früher fanden die großen Debatten vornehmlich im Parlament statt, wohin sie auch gehören. Mittlerweile habe ich den Eindruck, als ob unsere Volksvertreter künstlich von ihren Alltagspflichten abgehalten würden, um von morgens bis abends ihrer Präsenzpflicht in Talkshows und Debattierrunden nachzukommen. Wenn das Fernsehen ruft oder pfeift, haben die Politiker augenblicklich in der Schaubude anzutanzen.

zeit: Aber nun findet Politik vor aller Augen statt. Was soll daran schlecht sein?

Rühmkorf: Ich kann das fast nicht mehr bewerten, weil es wie ein Naturereignis geworden ist. Der große Sauger saugt die Leute an, sie müssen kommen und sich abends immer noch wie ’ne Zitrone auspressen lassen von Leuten, die teilweise einen staatsanwaltschaftlichen Vernehmungsjargon haben. Das ist furchtbar.

zeit: Sehen Sie sich solche Sendungen an?

Rühmkorf: Christiansen fast immer, obwohl nie ganz bis zu Ende. Maybritt Illner am liebsten, weil sie sich wenigsten noch in einem kritischen Höflichkeitsrahmen bewegt. Die mit Augenaufschlag wie Ulrike Meinhof - na, wie heißt sie noch?

zeit: Sandra Maischberger.

Rühmkorf: Von Fall zu Fall. Ist ja wie auch die anderen Damen durchaus „kompetent“, wie man so sagt, aber inzwischen hat sich der pikante Augentrick doch ein bisschen abgenutzt: Einerseits ein gewisses Entre-nous suggerierend, und dann plötzlich der Umschlag in eine etwas selbstherrliche Ironie.

zeit: Was hielten Sie von Löwenthal?

Rühmkorf: Unsere gute alte Mediensteinzeit. Er und sein Ost-Pendant Karl Eduard von Schnitzler. Zwei Krachnummern, die ich mir selten habe entgehen lassen. Hassgucken auf zweierlei Weise. Und dann Ein Kessel Buntes. Das haben wir uns schon mal gern angesehen, um zu vergleichen, was diesseits und jenseits der Grenze eigentlich von oben her verfügte Volkskultur war. Auf einer gewissen Vergnügungsebene waren wir schon immer „Ein Volk!“ Deutsch-deutsches Einheitsfernsehen, ohne dass sich die Augen und Ohren vorher abgesprochen hatten.

zeit: Haben Sie mit der Kiste je die Hoffnung verbunden, die Aufklärung voranzubringen? Pathetisch gesprochen: die Menschen besser zu machen?

Rühmkorf: Man hofft und hofft. Wenn man dann in solche aufgeregten Debatten hineingerät, fühlt man sich irgendwie in die Runde mit einbezogen und denkt: Jetzt müsste er eigentlich dies sagen. Politische Sendungen sind bei uns Familiensache. Und wenn mir mitten in der Diskussion so ’ne richtig schneidige Sottise einfällt, sagt meine Frau: „Da hättest jetzt eigentlich du sitzen müssen. Aber dir fallen solche Donnerkeile nur zu Haus auf unserm Biedermeiersofa ein.“ Ganz ähnlich ist es bei Ratespielen. Da rauf ich mir die letzten Haare, wenn da so spezialgebildete Fachidioten sitzen, die sich zwischen Rock und Pop und Sport und Entertainment bereits in die 30000-Euro-Zone hochgeschraubt haben. Aber wenn man sie fragt: „Ist die Trikolore quer oder längs gestreift?“, rauschen sie augenblicklich ab in den Kohlenkeller. Ich guck mir schon alle möglichen Abseitigkeiten an, den Grand Prix Eurovision zum Beispiel.

zeit: Das haut uns um.

Rühmkorf: Ja, mich auch. Hab mir vor kurzem sogar den Stefan Raab mit seinem Waddehaddeduddeda eingezogen, aber auch sofort gedacht, alles geklaut, der pure Räuberbetrieb. Haben Sie mal in meine Kinderversammlung Über das Volksvermögen reingeguckt? „Enne denne/Dubbe denne/Dubbe denne dalia/Ebbe bebbe bembio/Bio bio buff“!

zeit: Mal angenommen, Sie dürften ein Videoband mit drei Stunden Fernsehen auf die einsame Insel mitnehmen. Was muss drauf sein?

Rühmkorf: Das käme auf die Verweildauer an. Entweder Jan Hofers soundso vielteilige Jazz-Anthologie, da hätte man gleichzeitig bisschen Musik mit an Bord. Zweitens Sir Attenboroughs gesammelte Tierfilmstreifen, wo man sich jede Folge gern viermal anguckt. Schließlich alle nur erreichbaren Dokufilme aus der Nazizeit. Man würde dann eher über das Heimweh hinwegkommen. Aber mal im Ernst. Was solche Dinge angeht, vertrete ich absolut konträre Ansichten zu Martin Walser. Bin da eher mit dem Dichter Walter Hasenclever einer Meinung: „Halte wach den Haß/Halte wach das Leid“.

zeit: Das Fernsehen als Besserungsanstalt der Nation - trotz all des Ramsches?

Rühmkorf: Ach, das ist wieder solche Einbahnfrage, die in die Sackgasse führt. Die Welt als runde und ganze kümmert sich nur bedingt um solche rigiden Erziehungsabsichten. Und unser ständig auf Sensationen gespitztes Auge tut es schon gar nicht. Sehen Sie mir doch bitte mal in die Iris und versuchen sich an einer Augendiagnose. Lauter winzige Sektörchen, die in Form und Farbe alle ziemlich voneinander abweichen und im Hinblick auf meine Sehgewohnheiten schon ein bedrohlich schizophrenes Charakterbild ergeben. Eben noch Hitlers Helfer und im direkten Anschluss sofort Lilo Wanders Wa(h)re Liebe. Gerade noch von einem dctp-Gespräch zwischen Kluge und Hochhuth in den Bann geschlagen und anschließend gleich zu Sexy Clips in Neun Live. Dann ’n paar Takte Harald Schmidt, aber wirklich nur Takte, weil so ’ne Fahrschülerwitze haben wir schon in unserer Jugend gerissen. Und irgendwann landet man dann sogar noch beim Menschenvorführer Olli Geissen, wo ich zwar vor Scham die Hände vors Gesicht schlage, aber trotzdem heimlich durch die Finger gucke.

zeit: Profitieren Sie davon für Ihre Arbeit?

Rühmkorf: Gewissermaßen schon. Ich sitze hier auf dem Anstand und betrachte mir die Welt als das Irrenhaus, was wirklich ist.

zeit: Wenn Sie eine Liste mit den Meilensteinen des deutschen Fernsehens...

Rühmkorf: Zurück in die Zvilisation, mille grazie. Hatte ich eigentlich schon Kuli erwähnt? Der ist auf meinem inneren Screen beinah schon in der Nähe von, na, wie hieß er noch?

zeit: Sinatra...

Rühmkorf: Nein, der Engländer! Einerseits absolut Common Sense und zum anderen in Betrachtung der Weltzustände immer noch für eine göttliche Sottise gut...

zeit: Peter Ustinov.

Rühmkorf: Ustinov! Ja! Da seh ich so gewisse verwandtschaftliche Züge. Auf der einen Seite Welt- und Lebenskenntnis aus dem Effeff und auf der anderen, klar, die Welt ist eine Bühne.

zeit: Sie sind befangen, weil Kuli zum Sendeschluss Gedichte vorgelesen hat.

Rühmkorf: Nein, das kam ja viel später. War für mich allerdings noch so ’n gewisses Surplus. Das kann er auch noch!

zeit: Rudi Carrell?

Rühmkorf: Als er anfing, dachte ich, ah, eine Supernova. Mensch, die Holländer...

zeit: Aber störte Sie nicht das holländische Getue? Lebt seit 50 Jahren in Deutschland und tut immer noch so, als käme er gerade vom Käse-Äquator?

Rühmkorf: Habe Am laufenden Band damals wirklich am laufenden Band gesehen. Ist ja so eine Art von Mitmachkino. Ein scheibentranszendierendes Erfolgsrezept. Da musste man sich alle möglichen Gegenstände merken, die man dann am Schluss als Prämie erhielt. Jedenfalls saß ich da ganz entspannt in meinem Ohrensessel und zog mir a) einen Computer und b) einen Staubsauger und c) einen Heimkopierer an Land, während die völlig verwirrten Kandidaten mit riesigen blauen Teddybären und einem Container voller Salzstangen nach Hause abschoben. Leider tauchte bei Rudi dann so ’ne gewisse Grämlichkeit auf. Ein Gesicht wie ein Magengeschwür. Er wurde ein menschenverachtender Humorist.

zeit: Was ist mit Hans Rosenthal?

Rühmkorf: Nein. Keine Strahlkraft. Weiter.

zeit: Grzimek.

Rühmkorf: Von Anfang an anziehend. Auch durch seine etwas räusprige Stimme und seinen hessisch eingefärbten Dialekt. Meistens hatte er einen Geparden mitgebracht - so ein richtiger Familienzoo. Mit den Tieren hat es bei mir allerdings so seine Bewandtnis. Bloß keine Löwen, Elefanten oder Mantelpaviane. Dann schon lieber Echsen, Schlangen und Erdmännchen - deren aufmerksame Habachtstellung mich rückblickend immer wieder an Rudi Völler erinnert hat.

zeit: Raumschiff Enterprise.

Rühmkorf: Ennntseeeetzlich. Grauenhaft. Die ganze Personage finde ich widerlich.

zeit: Die Osbournes auf MTV, Reality-TV über die Familie des Rockers Ozzy Osbourne?

Rühmkorf: Nie was von gehört. Aber MTV und Viva habe ich mir später immer wieder mal ganz gern angesehen. Die Clip- und Montagetechnik ist beinah schon anregend. Nur dies frivole Spiel mit Nazi-Emblemen und martialischen Kriegsszenen sollte verboten werden.

zeit: Kommen Sie sich, wenn Sie Viva angucken, nicht vor wie ein Ethnologe, der einen fremden Stamm beobachtet?

Rühmkorf: Nicht unbedingt. Solche Reizmontagen sind ja bei uns und in der bildenden Kunst seit Anno dada-mals längst eingeführte Verfahren. Aber diese permanente Redundanz der Grundbässe und die krass auf den Punkt kalkulierte Schnitttechnik haben schon ihren eigenen Reiz.

zeit: Das Wort zum Sonntag?

Rühmkorf: Hieß bereits in den Siebzigern „Das Wort zum Bierholen“. Wenn ich allerdings mal so ’nen richtigen Antikriegschristen erwische, bleib ich eisern auf Empfang. Was ich mit den Jahren immer mehr hasse, ist Action. Dies mir unerklärliche Bedürfnis nach Turbulenz hat in der Zwischenzeit sogar auf die Trailer von seriösen Sendungen übergegriffen. Warum müssen da in Kulturzeit unentwegt diese Kuben durcheinander kegeln? Da denk ich immer, ich sitz vor dem Bullauge meiner Waschmaschine, in die sie gerade ’nen Sack voll Bild-Zeitungen gekippt haben.

zeit: Das Fernsehen muss die Zuschauer erst mal in die Sendung hineinzerren, um ihnen etwas zu zeigen, was sie sonst nie anschauen würden. Das war doch im Fall der Serie Holocaust auch nicht anders.

Rühmkorf: Was nicht gerade für sie spricht. Offen gesagt, schon das Wort ist mir ein Gräuel. Beteigeuze - Aldebaran - Copa Cabana - Kalypso - Desert Storm - Holocaust - alles wunderbar klangvoll und ein Ohrenschmaus. Und der Film dann die übliche bunte Kinosoße, in der selbst noch die gequälten Sträflinge wie von Cardin eingekleidete Streiflinge aussehen.

zeit: Aber der von Ihnen gewünschte Erziehungsauftrag wurde dort vorbildlich erfüllt.

Rühmkorf: Die einzige Entschuldigung, die ich für solchen Grauenglamour noch gerade eben positiv in Rechnung stellen kann. Ganz im Gegensatz dazu dann Claude Lanzmanns Shoa. Unerbittliche Radikalreportage. Und wenn du dann am Schluss noch die umgeschneiderten Vergasungslaster - Mercedes - mit den neuen Bayer-Produkten - ehemals Cyclon B - in eine lichte Zukunft abrauschen siehst, weißt du endgültig, was hierzuland dialektischer Kapitalismus heißt.

zeit: Vermissen Sie das Literarische Quartett?

Rühmkorf: Teils, teils. Es war wenigstens mal ein Versuch, etwas so Unanschauliches wie die Literatur als Erregungsgegenstand zu skandalisieren. Egal, ob es manchmal zu geradezu skandalösen Fehlurteilen geführt hat. Immerhin mal eine Erfindung. Aber dass die Lyrik nicht einmal als Mauerblümchen zur Kenntnis genommen wurde, schien mir doch ein etwas peinliches Versäumnis. Eine ganze Gattung einfach ausjuriert. Aber ich rede in eigener Sache, und da wird die Stimme leicht etwas krächzig.

zeit: Ist die Wirkung der Kiste in erster Linie sedierend? Solange wir fernsehen, haben wir keine Zeit für Revolutionen.

Rühmkorf: Das ist wieder mal so oder so zu betrachten. Für die Bambini ist es natürlich ein geschätzter Dauerschnuller, und es wäre schon ein beachtlicher edukativer Erfolg, wenn das Sandmännchen sie schließlich in den gewünschten Schlaf wiegte. Bei Pubertätlern und angeschlossenen Jahrgängen kann es allerdings gerade das Gegenteil bewirken. In diesen kritischen Jahren ist man kaum mehr in der Lage, die Realität und diese künstliche Spiegelwelt auseinander zu halten. Die Säfte steigen. Die Frustrationen auch. Und wenn das Nachtkino wieder mal Schlachtfest gefeiert hat, strahlt die Versuchung zu Mord, Todschlag und Bambule sofort auf die heiß gemachten Jünglinge zurück. Womit ich nur sagen will, dass sich ältere Semester nach dem Genuss von Natural Born Killers lieber nicht mehr ohne Gasoline aus dem Haus begeben sollten. Doch. Ja. Genau so vollzieht sich der Geisterverkehr zwischen Leben und Leuchtkasten. Trotzdem ist das Ding mit bloßen Verwünschungen nicht mehr aus der Welt zu bringen. Es ist real existent wie fließend Wasser und elektrisch Licht.

zeit: Also müsste man die Kiste nicht eigentlich zum Weltkulturerbe erklären?

Rühmkorf: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ Wobei zum Erwerb natürlich zuallererst seine fortschreitende Kultivation gehört. Nur sie entscheidet darüber, ob wir uns schließlich als Besitzer oder als Besessene titulieren dürfen. So oder so besehen: Wer nicht über eine gewisse Fernsehbildung verfügt, scheint mir irgendwie geistig unterbelichtet.