Seelen-Wanderung durch Europa

Nachdem uns ein sehr [vielleicht zu] ambitioniertes Kultur-Projekt [das genau dort ansetzt, wo der ungarische Filmemacher Istvan Szabó mit seinem Beitrag aufgehört hat] von der Bundeskulturstiftung mit einem negativen Förderungsbescheid zurückgegeben wurde, war es nicht der richtige Moment, an der von dieser mitveranstalteten Konferenz zur kulturellen Identität in der Europäischen Union teilzunehmen.

Also lebt diese Seite von zwei ersatzweise zitierten Artikeln von Dr. Harald Jähner aus der abonierten BERLINER ZEITUNG vom 27. und vom 29. November 2004.

Europas Seele: die Verfasssung
Konferenz zur kulturellen Identität der EU begann in Berlin

In der Hierarchie der Werte stünden die der Kultur höher als die des Marktes, sagte der neue EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso zum Auftakt der Konferenz "Europa eine Seele geben" am Freitag in Berlin. Die zweitägige Konferenz zur europäischen Kulturpolitik versammelt Politiker, Künstler und Vertreter von Kulturinstitutionen aus ganz Europa. Die Konferenz versucht kulturelle Aspekte europäischer Identität in allen Politikbereichen Europas zu verstärken.

Barroso sagte, es gebe bislang keine europäische Agora, keine gemeinsame Öffentlichkeit, die ausreichend wäre, eine Debatte der europäischen Bürger zu führen. Er plädierte für einen europäischen Fernsehsender als ersten Schritt zu einer institutionalisierten Öffentlichkeit der EU.

Bundeskanzler Gerhard Schröder sah die Angelegenheit gelassener. Mit der Zeit werde in der kulturellen Identität der einzelnen Menschen eine europäische Dimension von ganz allein entstehen. Die europäische Seele entwickle sich aus den Anstrengungen um ein gemeinsames Wirtschaften und soziale Solidarität, um gemeinsame Außen- und Verteidigungspolitik. "Das kann man nicht verordnen."

Schröder plädierte ebenso wie Außenminister Fischer abermals für eine Aufnahme der Türkei in die Europäische Union. Die europäische Seele sei aus den Erfahrungen des Totalitarismus geboren, meinte Fischer. Für die liberale Demokratie und die Idee der Integration als Antwort auf die Pest des Nationalismus - dafür stehe Europa. Jetzt bedürfe es der Formung integrativer Institutionen: Die Verfassung gehöre zur Seele Europas. (jae.)

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Die Konferenz der Animisten
Eine internationale Schar aus Politik und Kultur suchte in Berlin nach der Seele Europas

Sie alle, die Sie hier sitzen, haben Europa doch gar nicht nötig," sagte der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani zu den rund 400 Teilnehmern der Konferenz "Europa eine Seele geben". Es fehle der europäischen Idee der Verzweiflungsdruck. Deshalb sei das Reden über Europa oft so träge. "Falls es mit Europa nichts werden sollte, dann sind Sie immer noch erfolgreiche Holländer, Engländer oder Franzosen." Aber er, wo gehöre er hin?, fragte Kermani.

Seine Eltern sind vor fünfzig Jahren aus Iran nach Deutschland gekommen, er ist in diesem Land ein erfolgreicher Wissenschaftler und Buchautor geworden, ein gesuchter Gesprächspartner. Dennoch und trotz seiner deutschen Staatsangehörigkeit könne er nicht sagen: Ich bin ein Deutscher. So wie sein Bruder schon nach wenigen Jahren in den USA behaupten kann: Ich bin Amerikaner. Navid Kermani fühlt sich als Europäer, für ihn ist Europa lebenswichtig, verstärkt in den letzten Wochen, da die Debatte über die Risiken der Einwanderung an Schärfe und Unklarheit zunimmt. Als Deutscher bleibe er Deutsch-Iraner, so wie die Eingewanderten in Deutschland immer Türken, Libanesen, Iraker blieben. "Ich bitte Sie inständig", forderte Kermani die Anwesenden auf: "seien Sie mit Leidenschaft Europäer!"

Vorweihnachtliche Stimmung

Navid Kermanis persönliche Bemerkung beschäftigte die Berliner Konferenz über die Dauer der zwei Tage hinweg immer wieder. Er hatte zwar Europa wie erwünscht beseelt, aber mit einem Leidensdruck, der viele verstörte. Mit einem Schlag war deutlich geworden, dass die europäische Integrationsidee gerade für die ein Heimatversprechen bedeutete, die in den kulturell homogenen Einzelstaaten ein großes Maß an Fremdheit empfinden. Wenn diese Fremdheit schon von einem erfolgreich "integrierten" Menschen wie Kermani erlebt wird, trotz seiner Eloquenz und seiner Liberalität, wie müssen jene sich unzugehörig fühlen, die über solche Gewandtheit nicht verfügen?

Der Kongress, initiiert von privater Initative an verschiedenen Orten Europas, finanziell unterstützt von der Bundeskulturstiftung, hatte überraschend viel Prominenz aus der europäischen Politik und dem Kulturleben angezogen. Den Akteuren des vereinten Europas liegt der Graben zwischen der Bedeutung ihrer Arbeit und dem Desinteresse der Öffentlichkeit ihrerseits auf den Seelen. Wir haben jetzt Europa, aber keine Europäer - diesen Widerspruch wollten nicht alle so gelassen sehen wie Gerhard Schröder. Er meinte zur Eröffnung, in die Identität der einzelnen Menschen würde sich eine europäische Komponente mit der Zeit schon von ganz allein einspielen, wenn man die klassischen Politikfelder Außenpolitik, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik nur gemeinsam genug betreibe.

Die Gegenposition zu Schröder nahm überraschenderweise der neue EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso ein. Er schätzte zum allgemeinen Erstaunen die kulturellen Werte höher ein als die Werte des Marktes, was die anwesenden EU-Kulturpolitiker, die bislang über 0,4 Prozent des Gesamtbudgets verfügen, in vorweihnachtliche Stimmung versetzte. Barroso beklagte das Fehlen einer gemeinsamen bürgerlichen Öffentlichkeit Europas und bezog sich dabei auf den Philosophen Jürgen Habermas, der von der Herausbildung einer räsonnierenden, kommunikativen Sphäre die Bindungskräfte des liberalen Staates abhängig gemacht hatte.

In dem Augenblick, in dem Europa von einem Projekt der Regierungen zu einer Angelegenheit der Bürger werden soll - nichts anderes bedeuten die anstehenden Abstimmungen über die Verfassung -, stellt die Politik fest, dass der Bürger sie im Stich lässt. Für Joschka Fischer ist die europäische Einigung ein Vorgang, der die historische Bedeutung der bürgerlichen Revolutionen im 18. und 19. Jahrhundert übertrifft - aber im Seelenhaushalt der meisten Europäer haben selbst Verfassungsbeschlüsse aus Straßburg und Brüssel weniger Relevanz als die Erhöhung der Müllabfuhrgebühren.

Barroso plädierte für einen gemeinsamen europäischen Fernsehsender, Timothy Garton Ash für eine gesamteuropäische Intellektuellenzeitschrift; gefordert wurde eine Kulturerbe-Bank, ein multilaterales Jugendnetzwerk, mehr Städtepartnerschaften und für diese mehr Geld, mehr Studentenaustausch, mehr Fremdsprachenunterricht in grenznahen Städten und eine gesamteuropäische Hymne, die man mit Freude singen könne.

Es gibt eine europäische Seele, und die singt, sagte Timothy Garton Ash in einer ob ihres weiten, außenpolitischen Blickwinkels bewegenden Rede. Sie singe in den Straßen von Kiew. Er legte eine Orange auf das Rednerpult als Zeichen der "orangenen Revolution" in der Ukraine. Für ihn wie für viele Redner aus den westeuropäischen Ländern bildeten die liberale Demokratie und die epochale Überwindung des Nationalismus die Seele Europas.

Seuchenhaftes Gerede

Ganz anders argumentierten die meisten Osteuropäer. Ihre Staaten sind nicht Mitglieder in der EU geworden, um ihre Identität zu teilen, sondern um ihre frisch erlangte Souveränität zu sichern. Die lettische Kulturministerin Heléna Demakova beklagte, dass die nationale kulturelle Identität schon wieder in Ungnade zu fallen drohe. Das bürokratische Förderungswesen der EU bevorzuge gewiefte Projektformulierer einer ganz blassen Sorte, aber nicht die kreative Erinnerung an die uralte lettische Bauernkultur.

Die Ungarin Zsuzsa Breier half beim Verständnis: Da die Mitteleuropäer ihre Konflikte mit der Staatsmacht und der Sowjetunion nicht politisch, sondern kulturell ausgefochten hätten, spürten sie nach der Wende überall einen Bedeutungsverlust von Kultur. Je mehr sich der Körper der Union im Zuge der Erweiterung in der Horizontalen aufblähe, umso mehr verliere er in der Vertikalen, nach unten in die Tiefe der Geschichte und nach oben in den Himmel der Ideale - so der rumänische Kunsthistoriker, Philosoph und Ex-Außenminister Andrei Plesu. Die Erweiterungskritik hinderte ihn jedoch nicht daran, jene kulturelle Vertikale, seine Seele Europas, ausgerechnet an der Peripherie auszumachen, an gewissen Grenzorten Bulgariens, in denen die Kulturen und Religionen Europas bis hinab zu den Thrakern ihre Spuren hinterlassen haben. Plesu litt spürbar unter der heutigen "relativistischen Nachlässigkeit", die die Kultur schleife. Angesichts des "seuchenhaften Geredes" gab er der Kulturpolitik den Ratschlag: "Reden Sie weniger, dafür gelassener." Die Anwesenden lachten herzlich.

Der ungarische Filmemacher Istvan Szabó schließlich gab eine Weisheit zum Besten, die die Seele Europas in der Kneipe suchte: Es fühle sich derjenige wohl in Europa, der sich wohl fühle in seinem Dorf, dem in seiner Kneipe das Bier schmecke, und der im Fernsehen die Lieblingsschauspieler seines Landes sehen könne. Doch alles, was die Europäer im Fernsehen gemeinsam sehen können, stammt leider aus Hollywood.

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