Anstatt des Vorfilms: die Vorderbühne wirbt für das Leben

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Wer sich trotz dieses Titels auf diese Seite gewagt hat, dem sei hier kurz von einem der beeindruckendsten Film-Theater-Erlebnisse dieser Tage berichtet.
Am Abend des 10. Dezember wurde im Haupthaus der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte [1] der Film von Katarina Peters: "Am seidenen Faden" gezeigt.

Der Film konnte bereits bei seiner Premiere auf dem 47. Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm vom 19.- 24. Oktober 2004 auf sich aufmerksam machen. Er lief dort im internationalen Wettbewerb und erhielt den mit 3.000 Euro dotierten Preis: die "Silberne Taube". Weiterhin gab es den Preis der Ökumenischen Jury, den Preis der (Fédération Internationale de la Presse Cinématographique) und den Preis der Jugendjury der Filmschule Leipzig.

"Der Film", so die FIPRESCI, "ist ein Sieg über den Tod des Körpers und der Seele, durch die Freisetzung von innerer menschlicher Stärke. Wie John Lennon zu sagen pflegte, das Leben ist nicht das, was wir von ihm erwarten, sondern das, was uns passiert."

Burkhard Althoff
 [2], Koproduzent aus der ZDF/ Das kleine Fernsehspiel - Redaktion: "Katarina Peters dokumentiert in ihrem Film den schwierigen Heilungsprozess ihres Mannes, des Musikers Boris Baberkoff, der mit 33 Jahren einen Schlaganfall erleidet. Sie hält intuitiv an ihrer DV-Kamera fest und schildert den Weg durch Intensivstationen und Reha-Kliniken. So entstand ein subjektives Protokoll eines Paares im Ausnahmezustand, das versucht, seine Liebe und Kreativität zu retten."

In den nachfolgenden Zeiten soll weniger von der
Geschichte des Films
die Rede sein (zumal er den Lesern zwar ans Herz gelegt wird, aber noch gar nicht gesehen werden konnte) noch von der Krankheit des Protagonisten,
dem Schlaganfall und seinen Folgen
, als den Umständen seiner Präsentation.

1.
Der Film wird in einem Theater gezeigt. Oder sollte man jetzt lieber sagen: "aufgeführt". Die Projektion macht aus dem Bühnenraum einen Ort für ein Licht-Spiel-Theater.

2.
Dies macht sich besonders gut, da das Gezeigte die Realität ist, nichts als die nackte Realität. Der Musiker Boris Baberkoff, gerade erst wieder dabei zu lernen, sich mit seiner Sprache auszurücken, macht seinen Sicht der Dinge unmissverständlich klar: es gäbe in einem Zustand wie dem seinen keine Scham mehr - denn alles sei nackt.

3.
Im Verlauf dieses audiovisuellen Protokolls der Selbst- und Fremdbeobachtung findet auf der Bühnenleinwand ein markantes Doppel-Spiel statt: der innere Monolog der Autorin Katarina Peters ist Bestandteil des Film-Dialogs und mit den Betrachtern im Zuschauerraum. Und zugleich ist der Dialog des Handlungsträgers Boris Baberkoff mit der Kamera immer auch der in Szene gesetzte Monolog im Medium des Films.

4.
Der Bühnenraum ist ein idealer Ort dieser Selbst-Betrachtung, da es - anders als in der Dunkelheit eines Kinosaals - jeden Anwesenden durch den Rest an Licht im Publikum immer auch auf den Anderen neben sich verweist. Und so wird der Dialog, der da von der Leinwand hinter der Rampe kommt, im Publikum immer wieder kommentiert: mit Lachen und sogar mit Applaus auf offener Szene.

5.
Und dann, dann ist das Stück Film zu Ende. Und doch ist das Er-Leben dieses Filmes damit nicht beendet. Vielmehr wird die Wirklichkeit zur Bühne - und auf der Bühne "spielt" sich die Wirklichkeit vor unseren Sinnen ab. Am Ende des Films wird die Vorderbühne in Licht getaucht, und die beide Helden des Film treten auf: live-haftig.

6.
Ein unvergesslicher Moment. Zunächst betritt von der einen Seite der Mann die Bühne. Und stellt sich vor die leere Leinwand und schaut in den bis auf den letzten Platz gefüllten Saal. Und spricht von diesem Moment, "auf den ich seit fünf Jahren gewartet habe". Und er breitet seine Arme aus und lacht in das applaudierende Publikum. Er steht da wie ein einst Geknickter, wie ein Gekreuzigter, dem die Knechtschaft der Krankheit genommen wurde, nachdem selbst die Knechtschaft des Todes an seiner Schwäche gescheitert war.
Und von der anderen Seite tritt seine Frau auf. Und sie steht an seiner Seite. Und ist doch auch für sich allein. Und sie spricht darüber, wie sie selbst diesen, ihren Film heute zum zweiten Mal als Zuschauerin erlebt hat. Und sie lobt die Leichtigkeit des Seins, die so schwer zu machen ist.

7.
Es ist ein befreiender Bruch, mit dem für Alle erlebbar wird, dass das auf der Leinwand gezeigt Stück Leben nicht zu Ende ist, nur weil schliesslich der Film fertiggestellt werden musste. Vielmehr ist seine Fertigstellung und Vorführung in diesem Theater dafür, dass wir alle erleben dürfen, dass der Film nur ganz und gar und doch zugleich nur dadurch "das Leben" ist, dass er von uns allen als den Lebenden erlebt werden kann.

8.
Alles scheint verkehrt. Und ist doch richtig so: Der Film spielt auf einer Bühne. Und dann zeigt das Theater auf der Vorderbühne: Menschen, die uns mehr Hoffnung und Freude vermitteln können, als es selbst das Ende des Films vermochte. Das ist unglaublich - und doch die Wahrheit. - Vielleicht braucht man einen Theaterraum dazu, um so einen schönen Widerspruch überhaupt aushalten zu können?!

9.
PS. Zur Feier treffen sich alle in den Umgängen und im Theater-Foyer. Und dort spielen sich eben jene Szenen ab, wie wir zuvor als "Alp-Traum-Szenen" im Film von Katarina Peters gesehen haben. Wir sind eingeladen in die Wohnung des Ehepaares. Und während wir es uns gut ergehen lassen, sind die Rechnungen nicht bezahlt, ist die Miete überfällig und überall überlaufendes Wasser verkündet den bevorstehenden ultimativen Dammbruch - in jeglicher Bedeutung dieses Wortes.

10.
Zu guter Letzt:
Dieser Film ist das Dokument einer ebenso unwahrscheinlichen und doch in Augenschein genommenen Willenskraft - beider Protagonisten.
Er ist als Dokumentarfilm d a s Dokument einer echten "Not"-wendigkeit einer privaten als auch öffentlichen Anteilnahme an den Werten - und Kosten - der Urheber.
Er ist das Dokument einer ständig in Frage gestellten und immer wieder neu zu pflegenden Liebe. Zu sich selbst. Zu seinem /seiner Nächsten. Und dem augenscheinlich so unbezwingbaren Feind: die Krankheit.


LERSER(IN)-BRIEF

Von einer der Beteiligten [3] kam mit der elektronischen Post eine Rückantwort, in der unter anderem die folgenden - für diese Seite auch freigegebene - Zeilen standen:

"[...] als Künstlerin hat sie einer sehr gute Intuition für präzise Wirkung, und auch ich finde, dass diese Premiere und der anschließende Umtrunk eine perfekt gelungene "Inszenierung" waren. Deine Betrachtungen dazu beschreiben das aus einer sehr interessanten Perspektive. Denn tatsächlich ist die Verdoppelung des Lebens im Film auch für uns während des Produktionsprozesses ständiges Thema gewesen. Deinen Gedanken folgend, könnte man jetzt sagen, dass diese Verdoppelung für den Zuschauer gleichzeitig spürbar blieb UND aufgelöst wurde durch den Theaterrahmen. Das Leben als Kunst: das ist sicher Ninas tiefstes Bekenntnis. "


DAMALS:

Erstmals wurde der Titel
"Am seidenen Faden"
für den Ufa (Universum-Film AG) Film von Robert A. Stemmle gewählt, der im September des Jahres 1938 in Wuppertal und dann in Berlin Premiere hatte.

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UND HEUTE:

Zum fast dem gleichen Zeitpunkt, genauer gesagt am 7. Dezember 2004 ist auch im BERLINER KURIER von einem "Held am seidenen Faden" die Rede. Das sei kein Film für Arachnophobiker, für Leute, die Spinnen nicht mögen, sondern ein Film für die Fans von Tobey Maguire, der wieder in sein Kostüm schlüpft und sich an einem seidenen Faden zu neuen Abenteuern aufschwingt.
In "Spider Man 2" (Columbia/DVD - 19,99 Euro, VHS - 14,99 Euro) "hat unser Spinnenmann eigentlich genug vom Superhelden-Dasein und will sich ganz der Liebe und dem Leben hingeben. Doch wie das Leben so ist, es will ganz anders. Als seine Angebetete entführt wird, holt er sein Heldenkostüm aus dem Müll."

[1Holla: in der ersten freigegebenen Fassung stand doch wirklich und wahrhaftig anstatt "Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz" das Wort "Freie Volksbühne" - die es "schon seit Jahren nicht mehr gibt" und sich ausserdem in Wilmersdorf befand. Richtig. Und vielen Dank der Autorin für diesen "Leserbrief" mit diesem Korrekturhinweis aus dem Hause der "befreiten Volksbühne" (als BE-Dramaturgie-Kandidat aus der DDR-ante-mortem-Ära erlaube ich mir dies mal so zu schreiben ;-) WS.

[2Kennt er noch den Fernsehfilm von Hartmut Griesmayr "Kinderärztin Leah - Am seidenen Faden" aus dem Jahre 1977?

[3Wie immer werden unsere GesprächspartnerInnen anonym zitiert, wobei Reaktionen auf deren Reaktion diesen wiederum mitgeteilt werden. Danach kann dann jeder indivituell für sich entscheiden, ob er diese Anonymität im bilateralen Dialog aufheben will - oder nicht.