Tsunami- und N 24-Wellen

Jetzt also doch: zu Beginn dieses neuen Jahres ein Kommentar zu den Bildern der Hochwasserkatastrophe in Asien.

I.

In der letzten Tagesschau vor dem Neuen Jahr wird gezeigt, wie in den Bars und Kaschemmen in
Phuket gleich in der Nachbarschaft der verwüsteten Gebiete das Nachtleben zu Sylvester weitergeht als wenn nichts passiert wäre. Die einzigen, die den Besucher noch auf die Ereignisse verweisen, sind einige "schräge Vögel" aus der Schwulen- und Lesben-Szene, die mit Schildern und Sammelbüchsen zum Spenden auffordern.

II.

Seit die Zahl der Toten sechstellig und höher wird, sind die Grenzen der Vorstellungskraft erreicht. Auch der Objektivität. Je mehr Tote gemeldet werden, desto höher die Ansprüche auf Zuwendungen aus den internationalen Hilfsfonds.

III.

Soweit denn überhaupt Informationen vorlagen*) sind diese nicht immer sogleich weitergegeben und der Bevölkerung zugänglich gemacht worden. Allein in Thailand ist offensichtlich nach dem Vorliegen der Warnungen über eine Stunde diskutiert worden, ob diese Meldungen auch weitergegeben und veröffentlicht werden sollen. Angeblich hätten erst die Bedenken zum Schutz der Interessen der Tourismusindustrie ausgeräumt werden müssen.

IV.

Jeder Sylvesterböller und jede Rakete hier auf den heimischen Strassen war eine(r) zu viel. Selbst wenn die Leute das damit in der Tasche verbliebene Geld nicht samt und sonders gespendet hätten. Es hätte schon gereicht, sich den Kopf darüber zu machen, dass in den zerstörten Touristenhochburgen die Leichen der verstorbenen Touristen auf Trockeneislagern auf ihre Identifizierung via DNS-Code gelagert werden, während in benachbarten Fischerdörfen weit und breit noch keine Helfer gesichtet wurden.

V.

Auf N24 werden am Sonntag eine Reihe von Amateurvideos der heimgekehrten Touristen gezeigt. Längere und besonders dramatische Szenen werden zu diesem Zweck eigens mit einer vom Sender eingespielten Musik unterlegt.
Und: Der Kommentator macht darauf aufmerksam, dass man sich entschieden habe, keine Bilder von ebenfalls gefilmten Leichen zu zeigen.

Einer der Filme zeigt die Bilder eines Vaters, der seine drei Kinder zeigt, die sich zunächst vergeblich an einem ins Meer wegschwimmenden Auto zu retten versuchen und denen es schliesslich gelingt, sich an einem Metallzaun festzuklammern und so vor den anstrürmenden Fluten zu retten.
Und: Der Kommentator schillt den Mann ob seiner mangelnden Beistandspflicht gegenüber seinen eigenen Kindern, da er selbst in diesen kritischen Minuten die Kamera in keinem Moment aus der Hand genommen habe. Ja, er sagt, so was, das sei eigentlich ein Sache für den Staatsanwalt.

Im weiteren Verlauf des Programms wird gegen 19 Uhr eine Sondersendung zum Thema "Tsunami-Wellen" wie ein Krimi angekündigt. Und siehe da: es sind gerade auch die Film-Bilder jenes so arg gescholtenen Vaters, die zur Demonstration der grausigen Wirkungen dieses Naturphänomens herhalten müssen.
Und: Der Kommentar, in Form einer Frage gekleidet: Wer ist "amoralischer", der Video-Amateur oder der Fernseh-Redakteur? Wo gibt es den Anwalt, der gegen eine solche Form des "Journalismus" einschreitet?


*) Da die einmal geschriebenen Texte auch so stehen bleiben sollten, hier ein Nachtrag in Form einer Anmerkung. Darin wird zitiert aus dem Bericht von Geoffrey Leandes aus Mauritius im "New Zealand Herald" vom 17. Januar 2005, der uns unter der Überschrift "Fatal gap in tsunami warning system" eine noch ganz neue Dimension einer missglückten Informationspolitik erahnen lässt:

"Red tape stopped scientists from alerting countries around the Indian Ocean to the devastating Boxing Day tsunami racing towards their shores.

Scientists at the Tsunami Warning Centre in Hawaii - who have complained about being unable to find telephone numbers to alert the countries in peril - did not use an existing rapid telecommunications system set up to get warnings around the world almost instantly because the bureaucratic arrangements were not in place.

Senior UN officials attending a conference in Mauritius of small island countries - some of them badly hit by the tsunami, now recognised to have been the deadliest in history - revealed that the scientists did not use the World Meteorological Organisation’s Global Telecommunication System to contact Indian Ocean countries because the "protocols were not in place".

The system is designed to get warnings from any country to all other nations within 30 minutes.

It was used to alert Pacific countries to the tsunami, even though it affected hardly any of them, and could have been used in the Indian Ocean if the threat had been from a typhoon, officials said, but it could not be used to warn about a tsunami.

Dr Laura Kong, the director of the International Tsunami Information Centre which monitors the warning system in Hawaii, said: "The [meteorological organisation’s] system has been set up but the protocols are not available for tsunami warnings except in the Pacific. So it was used on 26 December but only in the Pacific."

A senior official at Unesco, which runs the information centre and the warning system, explained that this meant no agreement for information-sharing on tsunamis in the Indian Ocean.

But there were "approved communication channels" for warnings about tropical cyclones in the area.

Michel Jarraud, secretary-general of the meteorological organisation, said the system had proved to be particularly valuable last year, which was bad for hurricanes in the Caribbean and the Pacific.

But the Governments around the Indian Ocean rejected repeated pressure from Unesco and other UN bodies for a tsunami early-warning system in their area because it was expensive, they had many calls on their resources and there had been no tsunamis in the ocean for more than 100 years.

The UN now says that the Boxing Day tsunami was the deadliest ever. The only one that even begins to rival it smashed through the Mediterranean around 1400BC after the destruction of the island of Santorini. On that occasion 100,000 people are estimated to have died.}