Berlin by DIY [Do It Yourself]

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Am 15. Januar veranstalte(te)n fünf große bürgerliche Netzwerke erstmalig einen Hauptstadtkongress. Der programmatische Untertitel der überparteilichen Veranstaltung lautet "Die Berliner Bürgergesellschaft organisiert sich!" Die Organisatoren sind der festen Überzeugung, dass die Probleme der Stadt nur in den Griff zu bekommen sind, wenn die Bürger dieser Stadt sich aktiv für eine neue Balance zwischen "Staat und privat" einsetzen, d.h. den überforderten Staat entlasten. Prominente Entscheidungsträger und das Publikum werden gemeinsam über die Zukunft der Hauptstadt diskutieren und dabei den Vernetzungsgedanken in den Vordergrund stellen. Fest zugesagt haben u.a. Gesine Schwan, Christoph Stölzl, HU-Präsident Jürgen Mlynek, IHK-Präsident Eric Schweitzer, die Intendantin der Deutschen Oper Kirsten Harms, die Intendantin des RBB Dagmar Reim und der WELT-Chefredakteur Roger Köppel. Es wird ausserdem eine Videobotschaft geben von Herbert Grönemeyer. Nähere Informationen unter:
www.hauptstadtkongress-berlin.de

Soweit die Ankündigung des schon vor seiner Eröffnung ausgebuchten Kongresses.

Über die Auswertung des aktuellen Presse-Echos *) hinaus wird wichtig sein zu verfolgen, was sich wirklich im Rahmen einer solchen Selbst-Organisation ausrichten lassen wird: jenseits und doch in Kooperation mit der Öffentlichen Verwaltung und den VertreterInnen aus den Vereinen und der Ehrenämter aller Art.

Das es dringend geboten war, sich endlich einmal in einer solchen Veranstaltung darzustellen war selbstredend und für sich schon einen Erfolg wert.

Aber es wird spannend sein herauszufinden, wie sich eine solche "Bewegung" weiter manifestieren und organisieren wird: 25 Jahre nach der Gründung der Grünen.

Anders als der damals ausgerufene Marsch durch die Institutionen ist diese Veranstaltung heute ein Manifest jener, die sich jenseits der Institutionen um eine sinnvollere Ausgestaltung ihrer alltäglichen Umgebung bemühen: in Schule, Beruf, auf den Ämtern und im Alltag - und die sich dort in den seltesten Fällen als Radikale bezeichnen lassen würden: selbst wenn jemand wie der "schwarze" Abgeordnete und ehemalige Kultursenator Stölzel sich im öffentlichen Diskurs eine Besetzung der Parteigremien herbeisehnt, die vergleichbar wäre mit den einst leerstehenden Häusern...

Es geht um systemimanente Systemkritik, getragen von dem Impetus des allfälligen Spruchs: "es gibt nur Gutes, ausser man tut es" - vorgetragen von Jenen, die entschieden haben, nicht aufzugeben angesichts all der Malaise um sie herum: "do it yourself". [Auch wenn man in dieser Runde das Englische lieber hätte meiden sollen: selbst bei der Aussprache des Film-Titels "Rhythm is it!" kamen fast alle ins Stolpern.]

Viele von diesen leuchten Beispielen wurden vorgestellt und die am besten ausstahlenden Leuchttürme heftig beklatscht. Die Kritik an den Institutionen war immer auch gebunden an den Willen auch dann etwas zu unternehmen, wenn dieses "eigentlich" die Aufgabe der Öffentlichen Hand (gewesen) wäre.

"Das ist gut so", würde WoWi sagen, allerdings ist er nur auf einem Promo-Video einer der Veranstalter zu sehen - gemeinsam mit dem Ministerpräsidenten von Hessen, Herrn Koch!


*) Hier als pars pro toto der Text von Anne Vorbringer in ihrem "Dem Trübsinn ein Ende" getitelten Artikel aus der von uns abonierten "Berliner Zeitung" vom Montag, den 17. Januar 2005:

Beim ersten Hauptstadtkongress versprachen sich Ehrenamtliche gegenseitige Hilfe / Nächstes Jahr soll ein Bürgerpreis verliehen werden.

"Ich weiß nicht, warum mir in einer wunderbaren Stadt wie Berlin so viele Menschen begegnen, die aussehen, als ob sie in der Nacht ihre nächsten Verwandten verloren haben." Das sagte Dagmar Reim, Intendantin des Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB), auf dem ersten parteiübergreifenden Hauptstadtkongress. 800 Teilnehmer aus Verbänden, Stiftungen und Bürgerinitiativen hatten sich am Sonnabend im großen Ballsaal des Hotels Grand Hyatt am Potsdamer Platz versammelt, um sieben Stunden lang unter dem Motto "Berlin hilft sich selbst" eine neue Aufbruchstimmung zu erzeugen und Abstand zu nehmen von Larmoyanz und Meckerkultur.

Fünf Bürger-Netzwerke riefen dazu auf, sich zusammen zu tun, um gemeinsam effektiver zu arbeiten: Die Initiative Hauptstadt, die Stiftung Liberales Netzwerk, der BürgerKonvent, der Gesprächskreis Hauptstadtunion, der von CDU-Mitgliedern gegründet wurde und das Netzwerk N 21, in dem sich junge SPD-Abgeordnete treffen. Organisiert wurde der Kongress von der PR-Tochter der Werbeagentur Scholz & Friends. Deren Geschäftsführer Johannes Bohnen hatte Großes vor: "Berlin verkauft sich unter Wert, ist oft kleinmütig und trübsinnig. Wir wollen die Stadt wieder aktivieren."

Professorin fordert mehr Naivität

Der Aufruf ging vor allem an die Bürger. Diese sollten sich mehr für ihre Stadt engagieren. Viele tun das bereits: Jeder vierte Berliner ist ehrenamtlich tätig. "Wir wollen Netzwerke zusammenbringen und die Projekte, die bereits bestehen, präsent machen", sagte Sandra Hildebrandt vom Netzwerk N 21. In Gesprächskreisen der Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Kultur und Bildung wurden verschiedene ehrenamtliche Initiativen und Projekte vorgestellt, die es schon jetzt in Berlin gibt.

Gastrednerin Gesine Schwan, Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), sprach sich für mehr Naivität aus, denn "ohne Naivität macht man keinen neuen Anfang."

Nach fünf Gesprächskreisen, zwei Kurzfilmen und drei Gastvorträgen präsentierten die einzelnen Netzwerke dann ihren Aktionsplan. Beim nächsten Hauptstadtkongress im kommenden Jahr soll demnach ein Berliner Bürgerpreis für vorbildliches ehrenamtliches Engagement vergeben werden.

Der Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) Eric Schweitzer will Firmen dazu bewegen, mehr Praktika für Bachelor-Studenten anzubieten. Hans Wall, Vorstandsvorsitzender der Wall AG, gibt seinen Mitarbeitern nach eigenen Angaben sogar eine Gehaltserhöhung, wenn sie in einem Ehrenamt tätig sind und will auch weiterhin dafür sorgen, dass der Kudamm zu Weihnachten leuchtet. Und die neu vernetzten Initiativen wollen mit der BVG über 1 000 kostenlose Jahreskarten für ehrenamtlich engagierte Bürger verhandeln.

Zu guter Letzt gab es dann aber doch noch was zu meckern: Herbert Grönemeyer, der aus London eine Videobotschaft unter dem Titel "Dem Trübsinn ein Ende" beisteuern sollte, hatte dann doch keine Zeit gefunden, der Stadt ein paar aufmunternde Worte zu senden.

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