Hat Herr Obermann noch Oberwasser?

Wenn man einen Brief von Herrn Prof. Dr. Peter Glotz bekommt um in „unseren Gesprächskreis Politik & Medien“
 [1] eingeladen zu werden, dann schaut man trotz der vielen Post schon mal genauer hin. Und wenn dann der Titel des letzten eigenen Buches „Multi Media Mobil(e)“ sich in dem Titel der Veranstaltung „Mobile Multimedia - Innovative Dienste und Technologien“ widerspiegelt gibt es gute Gründe, der Einladung zu folgen. [2]

Am Ende der Veranstaltung gibt es einen kleinen Umtrunk mit einem Imbiss, bei dem, ausser dem Referenten, die Gäste und der Gastgeber noch eine zeitlang miteinander herumstehen und fachsimplen. Hier kommen nun all jene Personen zur Sprache, die nicht auf der Empore gesessen haben. Einige dieser Kommentare erscheinen es wert, festgehalten und bedacht zu werden, sie werden kursorisch in den nachfolgenden Punkten skizziert:

• Der Mann, so die meisten Stimmen, sei gut und eloquent: er hat gesagt, was gesagt werden musste, nicht mehr und nicht weniger. Er hat in seinen persönlichen Reaktionen durchaus gezeigt, dass er die an ihn gerichteten Fragen verstanden hat und dass er es verstanden hat, allseits und alle Zeit so zu antworten, dass man ihm daraus keinen Strick wird drehen können.

• Umso erstaunlicher ist es zu erfahren, wie viele der Anwesenden zum Teil erhebliche Kosten und (Reise-)Zeit investiert haben, um sich diesen Vortrag anzuhören. Zumal viele von ihnen nicht anschliessend den Versuch unternommen haben, sich diesen Aufwand zumindest mit einem Wortwechsel, einer kurzen persönlichen Begegnung mit dem Vortragen „vergolden“ zu lassen. Dennoch ist von allen durch die Bank weg zu hören, dass sich dieser Aufwand gelohnt und man jetzt ein doch besseres Bild von diesem Unternehmen und seinen Strategien erhalten habe.

• Von anderer Seite dagegen ist zu hören, dass genau dieses „bessere Bild“ eigentlich eher einer Hohlform gleicht, aus der heraus das Profil einer alles anderen als zufrieden stellenden Beurteilung gegossen wird: nein, man habe eigentlich nicht den Eindruck gehabt, dass man einem nichts habe erzählen wollen, was eine neues Licht auf den Laden wirft, man habe es vielmehr nicht können.

• Doch, doch, kam es von anderer Seite zurück: man habe durchaus Neuigkeiten erfahren: dass man in den letzten Jahren den Konsumenten mit allzu vielen neuen Gadgets und Gelegenheiten konfrontiert habe, die man letztlich zwar aller auf den Markt aber nicht „an den Mann“ gebracht habe und dass es jetzt darum ginge, erst einmal einzuhalten und diese Dienste nochmals neu zu überarbeiten, zu bündeln und zielgerichteter jeweils einer ganz bestimmten Personengruppe anzubieten.

• Schön gesagt, wurde gekontert: im Klartext würde das doch bedeuten, man sei mit seinem Latein am Ende, müsse seinen Laden erst einmal aufräumen und begreifen, dass die Zeiten des ungezügelten Wachstums längst vorbei seien. Spätestens seit dem Tchibo-O-Two-Deal sei klar, dass neue Allianzen ganz anderer Art geschnürt würden und neue (Billig-) Anbieter auf den Markt drücken würden, die bestrebt wären, auch dem letzen noch in Deutschland verbleibenden Betreiber die Butter vom Brot zu holen.

• Mehr noch, wurde ergänzt, in dem Vortrag sei deutlich zur Sprache gebracht worden, dass es jetzt die Aufgabe dieses Hauses sei, nicht nur weiterhin mit seinen Gewinnen den Konzern quer zu subventionieren, sondern mit einer Anstrengung, „die die ganze Kraft aller Beteiligten kosten wird“, dafür Sorge zu tragen, dass in Zukunft über eine Milliarde Euro eingespart werden kann. Aber ob das nun wirklich ein Zeichen sei der Ermutigung? Die Mehrheit der Anwesenden war der Meinung, dass hier einer noch fröhlich pfeifend durch den Wald laufen würde, damit er keine Angst zu haben brauche vor den Räubern und Wegelagerern, die schon auf ihn warten würden.

• Schlimmer noch, kam es von anderer Seite: hier wird nicht nur gute Mine zu einem bösen Spiel gemacht. Seitdem nun auch zu Zeiten einer funktionierenden UMTS-Technologie weder über Konvergenzstrategien noch über „Killeraplications“ weiter öffentlich geredet werde dürfe, sei klar, dass man einmal mehr nun das Kapital investiert und die Technik aufgebaut aber „vergessen“ habe, über wirkliche Mehrwertstrategien so nachzudenken, dass die Ergebnisse dieser Überlegungen nun auch konkret in der Praxis vorgeführt und zur kommerziellen Blüte gebracht werden könn(t)en.

• Und als ob es damit nicht genug hätte sein sollen, kam es noch tiefgründiger: da erklärt dieser Mann, wie man überall in der Welt Ausschau halten würde nach neuen Diensten und Technologien, uns sich fragen, ob und wie man die auch in Deutschland zur Anwendung bringen könne - und dabei würde ganz und gar vergessen, dass es hier in unserem Sprach- und Kulturraum ganz eigene Gesetze und Regeln gäbe, nach denen die Kommunikation hier stattfinden würde, und dass man diesen überhaupt nicht auf der Spur sei.

• Beispiel: Während in den USA 500 und in UK 250 Minuten vertelefoniert würden, seien es hier nur um die 100 - auch Obermann habe diese Zahlen in ihrer Grössenordnung ja bestätigt. Aber seine einzige Ambition sei es ja nun, diese Minutenzahlen auch für die hiesige Bevölkerung zu erhöhen, anstatt mal darüber nachzudenken, warum das so sei und ob es nicht andere Mittel und Wege gäbe, die Nutzungsgüte und damit die Wertschöpfung zu erhöhen. So etwas würde er lieber dem Herrn Glotz überlassen oder seinen Leuten vom Marketing.

• Ja, und das sei der Kern allen Übels, so der letzte Einwurf: diese Leute wie wir sie heute wieder in ihrem Vortrag gehört haben, das seien keine Unternehmensführer mehr, sondern nur noch Sachwalter eines Konglomerates divergierendster Interessen mit einem und dem gemeinsamen Ziel: das nächste Quartal überleben zu können - und die nächste Aufsichtsratssitzung. Auch der Herr Obermann habe das Zitat gut geheissen, dass man bei Visionen zum Arzt gehen solle. Vielleicht wäre es an der Zeit, ihn mal an seine eigene Lebens-Geschichte zu erinnern.

WS.


PS.: Zum Thema "Drohende Konkurrenz durch Billiganbieter" hier noch der Hinweis auf die vierte Befragungswelle im Rahmen des sogenannten "MobilMedia-Barometers": einer Initiative des BMWA, unterstützt von Vivento Customer Services, Bonn, mittels der ein regelmäßiges Meinungsbild zu mobilen Datendiensten, Trends und Technologien erstellt wird.

Der Hinweis auf die Ergebnisse hier vermittels eines Textes von Georg Stanossek in x-dail aktuell vom 8.12.2004, wonach die Discount-Handys für Kunden nach wie vor eher uninteressant blieben, während immer noch die Betreuung durch Fachpersonal im Vordergrund stünde.

Kunden stehen Handys von Discountketten oder Einzelhandelsriesen skeptischer gegenüber als vermutet.

Das zeigt das aktuelle MobilMedia-Barometer, eine Umfrage von MobilMedia, einer Initiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit: Lediglich für 27 Prozent der Befragten ist ein Handy von Tchibo und Co. attraktiv, gut 72 Prozent halten die Angebote jedoch für uninteressant.

Mit dem aktuellen MobilMedia-Barometer überprüft die Initiative des BMWA den Trend zu Einfach-Angeboten großer Ketten und bekannter Billigmarken. Die Ergebnisse machen deutlich, dass ein niedriger Preis allein die Kunden noch nicht lockt. Gefragt ist vor allem die Betreuung durch Fachpersonal: So wollen laut MobilMedia-Barometer knapp 48 Prozent der Befragten nicht auf qualifizierte Beratung verzichten, die sie von Mitarbeitern im Fachhandel erwarten.

"Die Branche diskutiert preiswerte Angebote großer Marken derzeit besonders heiß", sagt Dr. Bettina Horster, Projektleiterin von MobilMedia und Vorstand der Vivai Software AG. "Doch die Umfrage belegt, dass Kunden Auswahlmöglichkeiten schätzen und kompetenten Service erwarten. Den erhalten sie bei Billig-Anbietern jedoch nicht. Auch für die Netzbetreiber sind die Discount-Handys kein Gewinn bringendes Geschäft. Lukrative Umsätze erreichen sie auf Dauer nicht mit Low-End-Geräten, sondern über Datendienste und Multimedia-Angebote."

Die Umfrage zeigt zudem, dass bei den Nutzern nicht nur Einheitstarife gefragt sind: Fast 30 Prozent der Befragten möchte zwischen verschiedenen Tarifmodellen auswählen. Würden die Billig-Anbieter ihr Angebot erweitern und beispielsweise Bestellungen per Handy anbieten oder über Sonderaktionen per SMS informieren, wäre dies kein zusätzlicher Kaufgrund für die Kunden: So gaben rund 88 Prozent der Befragten an, auch dann kein Billigangebot kaufen zu wollen. "Das aktuelle Barometer ist auch ein Zeichen an die Service Provider, mit ihren Kompetenzen Kunden gezielt anzusprechen und sie individuell zu beraten", sagt Bettina Horster.

[1Der Gesprächskreis ist eine Einrichtung der
Friedrich-Ebert Stiftung
und wird in Berlin durchgeführt.

[2Dieser Text ging zunächst weiter mit den folgenden Zeilen:

"Am Ende einer solchen öffentlichen Gesprächsrunde macht sich die Erkenntnis breit, dass es eigentlich wenig Sinn macht, noch gute Bücher zu schreiben. Anstatt ein solches Exemplar zum subventionierten Preis von 15 Euro auf den Markt zu bringen, ist es wohl angesagter denn je, stattdessen seine Weisheit scheibchenweise zu verkaufen und pro Tag zwei Nullen an diesen Preis anzuhängen.

Dieses ist weder „billige“ Polemik noch Larmoyanz darüber, dass Professor Glotz dieses Exemplar als Rezensionsexemplar zugeschickt bekommen, aber wohl kaum intensiver darin hineingeschaut hat. Es ist ein Versuch, genauso offensiv und öffentlich über jene Fragen nachzudenken, auf die Gastredner nur insoweit geantwortet hat, als dass er sich dabei jeglicher Stellungnahmen enthielt, die einen echten „Newscharakter“ gehabt oder es erlaubt hätten, einmal tiefer in das Denken und die Bedenken eines Unternehmensführers kennen zu lernen.

Ich kann mich noch gut an die Tage erinnern, als er frisch zu seinem Amt gerufen worden war und auf seiner ersten CeBIT mit Spritzigkeit und Elan durch die Gänge flitze und wissbegierig und mit rundumschauender Neugier sich seiner neuen Aufgaben zu bemächtigen suchte.
Als ich ihn jetzt wieder sehe, in seinem schwarzen Zwirn mit den nicht allzu feinen Längsstreifen gemustert vor dem Rednerpult stehend und in wohlgesetzten Worten in 30 Minuten verkündend, was ihm seine Stäbe auf hohem Niveau ohne Ecken und Kanten zusammengeschustert haben - da geht mir einmal mehr die Frage durch den Kopf, wie es einem ergeht, der sich mit Haut und Haar einem solchen Konzern verschrieben hat.

Nein, tauschen möchte ich wahrlich nicht, auch bei allen Vorteilen und Privilegien, die ein solcher Job mit sich bringt. Allenfalls sich austauschen, das wäre fein und seine Erfahrung gegen gutes Geld mit in die Wagschale werfen können: aber selbst das funktioniert nur dann, wenn man den Eindruck hat, wirklich auch als „Externer“ etwas bewegen und mit in der Verantwortung stehen zu können."

Soweit die inkriminierten Zeilen. Mögen diese auch von der Sache her korrekt sein, so besteht doch die Gefahr, dass solche Sätze den Eindruck erwecken, dass die nachfolgend skizzierten Punkte durch den Impetus geprägt seien, dass man nun andere ersatzweise zur Sprache kommen lässt, nachdem man selber als Autor und Urheber wahrgenommen worden sei.
Dass diese Zeilen nicht ersatzlos gestrichen wurden, hat mit dem Prinzip von "DayByDay" zu tun, einmal Geschriebenes so für sich stehen zu lassen.

Ein ausdrücklicher Dank aber gerade an dieser Stelle insbesondere an Jene, die hier mit wohlmeinendem Rat nicht gespart haben!