GRAUZONE

Tim Blake Nelson versuchte mit dem Beginn dieses Jahrtausends das Unmögliche: sein Drama "The Grey Zone" - schon als Bühneninszenierung ein Risko, wie es nur einer wie George Tabori anzunehmen wagte - nun auch als Film.

Nach einer Vorführung im Filmmuseum in Frankfurt aus Anlass des 60. Jahrestages, an dem das jüdische Sonderkommando in
Auschwitz-Birkenau einen offenen Aufstand
wagte - am 7. Oktober 1944 - ist dieser 2002 in den USA produzierte Film seit dieser Woche in den Kinos in Deutschland zu sehen.

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Der Filmtitel „Die Grauzone“ geht auf Primo Levis 1986 veröffentlichtes Werk „Die Untergegangenen und die Geretteten“ zurück. Levi beschreibt mit dem Begriff jenen Grenzbereich und Handlungsraum in dem die Trennungslinie zwischen Opfer und Täter verschwimmt und moralische Kategorisierungen das Geschehen nicht mehr erfassen können. Der italienische Philosoph Giorgio Agamben definiert diesen Bereich als „Zone der Nicht- Verantwortlichkeit und der ‚impotentia judicandi’“, die nicht jenseits von Gut und Böse liege, sondern diesseits von ihnen. Die „Extremfigur“ der „Grauzone“ ist Agamben zufolge das „Sonderkommando“, dessen Erfindung und Aufstellung Primo Levi als das dämonischste Verbrechen des Nationalsozialismus bezeichnete. Mit Hilfe dieser Einrichtung wurde Levis Interpretation zufolge der Versuch unternommen, „das Gewicht der Schuld auf andere, nämlich auf die Opfer selbst, abzuwälzen, so dass diesen - zur eigenen Erleichterung - nicht einmal mehr das Bewusstsein ihrer Unschuld bleiben würde“.

Dieses ethische Dilemma ist ein wesentliches Thema in der Geschichte des jüdischen Sonderkommandos und das zentrale Motiv im Spielfilm von Tim Blake Nelson.
Andreas Kilian [1]

Die Bilder sind gänzlich unaufgeregt, die Farben kalt, die Darstellung der Grausamkeit in ihrer ganzen Unmittelbarkeit zutiefst verstörend. Oft wird mit Handkamera und schnellen Schnitten gearbeitet. Die Dialoge sind bruchstückhaft. Die Beziehungen der Figuren untereinander sind fast ausnahmslos instrumental, so sehr sind die Menschen den Bedingungen des Vernichtungsapparats ausgeliefert. Das Dahinvegetieren und Sterben der Lagerinsassen ist längst Routine, gehört zum Alltag. Wer zu schwach ist oder sich Menschlichkeit leistet, wird sofort getötet. All das zeigt der Film bis ins letzte Detail. Wo andere Filme in Metaphern und Symbole fliehen, bleibt „Die Grauzone“ in seiner realistischen Darstellung erschreckend konsequent. Der Aufstand wird nicht etwa filmwirksam zur Heldentat stilisiert, sondern ist und bleibt der verzweifelte Versuch von Todgeweihten, ihre Würde zu bewahren. Hier war kein Steven Spielberg am Werk und die Musik stammt auch nicht von John Williams. Vielleicht auch deswegen war der „Grauzone“ in seinem Entstehungsland kein großer Erfolg beschieden. Der vor über zwei Jahren produzierte Streifen lief in den USA vornehmlich auf Festivals und leider selten nur im Kino. Das obwohl die Schauspielerriege, mit der Regisseur Nelson gearbeitet hat, zum Allerbesten zählt, was Hollywood zu bieten hat. Mira Sorvino, Steve Buscemi, David Arquette und Allan Corduner gehören ebenso dazu, wie Harvey Keitel, der durch seinen Auftritt mal wieder ein ambitioniertes Filmprojekt unterstützen wollte. Bleibt also zu hoffen, dass die Resonanz in Europa deutlich größer sein wird. Dieser wichtige Film hätte es verdient: Wider das Vergessen.
Maciej Berlin [2]

[1Sonderkommando- Historiker und Co- Autor des mit Eric Friedler und Barbara Siebert im zu Klampen- Verlag veröffentlichten Standardwerks „Zeugen aus der Todeszone. Das jüdische Sonderkommando in Auschwitz“.

[2In: Kulturküche.de
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