Berlinale.05

Die Vagina als Austastlücke

Heute aus Anlass der Berlinale ein sonntäglicher Beitrag, in dem über ein Podiumsgespräch mit der französischen Regisseurin Catherine Breillat berichtet werden soll. Sie hatte spätestens Ende der 90er Jahre mit ihrem Film "Romance" (1998) eine heftige Debatte darüber ausgelöst, ob und wie ein Film alles über Sexualität zeigen "darf", der sich als Kunstwerk versteht und nicht als Pornographie.

Zunächst dazu der Bericht von Jasmin Khatamies für das ZDF, erstmalig in diesem Jahr Berlinale-Medien-Partner, unter der Überschrift:

Kein Blümchensex
Pornografie contra Kunst auf der Berlinale - Beim Talent Campus machen Stundenten große Augen
Was in ihren Filmen zu sehen ist, würden manche eher Pornos zuordnen. [...] Beim Berlinale Talent Campus erklärte Breillat Nachwuchsfilmern, was ihre Werke von Pornographie unterscheidet.

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"So was würde man bei uns nie zeigen", sagt Sylvain Adjahossi nach dem Podiumsgespräch. Der 30-jährige Filmemacher aus dem westafrikanischen Benin gehört zu den 543 Talenten aus 90 Ländern, die zum Talent Campus der Berlinale eingeladen wurden, um sich auszutauschen mit anderen Nachwuchsfilmern und gestandenen Kollegen - wie eben mit Catherine Breillat. Die sitzt gerade auf dem Podium des vollbesetzten Auditoriums im Haus der Kulturen der Welt.

Große Erwartungen

Mit großen Erwartungen waren viele Filmbegeisterte am Nachmittag dorthin gepilgert, um unter dem verheißungsvollen Titel "Directing Sex" von der französischen Skandalregisseurin zu erfahren, wie Körperlust auf der Leinwand zu inszenieren ist. Damit kennt sich Madame Breillat besonders gut aus. Doch die unscheinbar wirkende Frau auf dem Podium bringt mit ihren allzu wortreichen Ausführungen und abschweifenden Erzählungen nicht nur ihre Dolmetscherin zur Verzweiflung, die für das durchweg deutschsprachige Publikum ins englische übersetzt.

"Mein Ding" oder doch Porno?

Von Schauspielern, die "keinen hochkriegen", ist die Rede. Von Kameraleuten, die mitten im Dreh alles hinschmeißen wollten, weil sie sich nicht daran gewöhnen konnten, dass sexuelle Handlungen nicht nur angedeutet, sondern komplett vollzogen wurden. Und natürlich davon, dass Pornografie aber etwas völlig anderes sei. Wirklich?
Catherine Breillat durfte sich diese Frage oft von ihren eigenen Mitarbeitern anhören und wird auch vor großem Publikum nicht müde, ihren Standpunkt zu vertreten: "Ich mache in erste Linie mein Ding und das ist künstlerisch, nicht pornografisch. Ein Pornofilm zielt ausschließlich darauf ab, die Zuschauer sexuell zu stimulieren. Das tue ich nicht", sagt sie und liefert einen kleinen Auszug aus dem Schatzkästlein der Revolutionäre: Sich nicht beirren lassen, das "eigene Ding durchziehen" ... "Macht, was ihr für richtig haltet", ruft sie den verdutzten Talenten zu. "Wenn sich die öffentliche Meinung an eurer Arbeit spaltet, seid ihr gerade auf dem richtigen Weg."

Sex sells

Sylvain, der 30-Jährige aus dem Benin, bleibt skeptisch zurück. "Was da gezeigt wurde, das muss man doch wirklich nicht sehen." Es mag sein, dass es keine Pornografie sei, aber ihn störe das falsche Frauenbild, das dargestellt werde. Anders der junge New Yorker Filmemacher Alexis Estevez. Der wundert sich, dass Madame Breillat kaum Applaus bekam. "Ich dachte, hey, das ist doch hier Europa, die Leute verkraften so was doch bestimmt. Ich finde es gut, dass sie sich nicht beirren lässt." [...]

In diesem Beitrag wird in der Tat ein Diskurs aufgegriffen, der auf der Bühne so nicht zustande kam. Über die unterschiedlichen kulturellen Sichtweisen zu der hier etwas vereinfachten Frage, ob die Darstellung eines erregten männlichen Gliedes bereits automatisch den Zensur unterliegen solle: der moralischen wie der rechtlichen.

Catherine Breillat macht mit Nachdruck darauf aufmerksam, dass die ganze klassische griechische Kulturdarstellung ebenso wie die indische solche Bilder zugelassen und als allgemeinen Bestandteil des menschlichen Lebens akzeptiert habe. Aber letztendlich nutzt sie diese Hinweise letztendlich dafür zu sagen, dass es in der Tat "ihr Ding" sei, die Dinge so zu zeigen, wie sie in Wahrheit sind, und dass sie sich der Darstellung dieser Wahrheit verplichtet fühle: als Filmemacherin, Autorin und Künstlerin.

Aus dieser Haltung heraus entgegnet sie denn auch gleich zu Anfang der ersten an sie gerichteten Frage nach der ersten Sex-Szene, an die sie sich noch erinnern können: Mit dieser Frage, so die die Protagonistin der Talent-Campus-Veranstaltung würde sie sogleich in eine Ecke gedrängt, in der sie viele oft nur allzugerne sehen möchten: als eine Hexe, die sich sich dem Sex verschrieben habe. [1]

Doch wer sich im Zuschauerraum auf diese Dialog der Protagonisten wirklich einlassen wollte, wurde schnell eines Besseren belehrt. Nein, es ging nicht um den Sex im Film und schon gar nicht um einen Sexfilm, sondern um das Leben von Frauen und Männern - und jenen, die sich zwischen den beiden Rollen ihr Leben eingerichtet hätten.

Das was Sie in ihren Filmen zeigen würde, sei alles andere als Pornographie. Nicht die Bilder seien pornographisch, sondern das, was sich für den Zuschauer dahinter verberge. Es seien nicht die Bilder, die sie als „Cineast“ zu Wege brächte, sondern die Gedanken, die sich hinter diesen Bildern verbergen würden. Ihre Kunst sei noch viel mehr im Immateriellen angesiedelt als die Bilder, die ihr Werk als Künstlerin repräsentieren würden.

Das wirklich aufregende sei für sie, die grosse Schönheit zur Geltung zu bringen, die dem Akt der Liebe zu Grunde liegt. Irgendwann ginge es denn auch nicht mehr darum, diesen Akt zu zeigen, sondern die Gesichter von Frauen, in denen sich ihre Glückserfahren ablesen liesse. Vergleichbar eigentlich nur noch mit einer Darstellung, die einem religiösen Ritus ähnlich sein würde.

Und nochmals: eine Hexe sei sie ganz gewiss nicht, aber ein „Vampir“, der mehr von seinen Schauspielern verlange, als was im Drehbuch geschrieben und auf dem Set arrangiert worden sein. Sie verlange etwas, was sie selber nicht definieren könne, sondern nur aus der Persönlichkeit des Schauspielers erwachsen. Das sie das Schwierige aber auch das Entscheidende an dieser Arbeit. Eine Übereinkunft zu finden, dich sich erste beim Spielen der Szene einstellt und alles in den Schatten stellt, was man vorher miteinander vereinbart habe.

Dieses könne bis an die Grenzen dessen gehen, die der / die einzelne Schauspieler(in) bislang erlebt habe. Sie hätten sich per Vetrag zu diesem Experiment entschieden und nicht sie, sondern sie allen hätten die Verantwortung an dem Zustandekommen der Szene, so wie sie schliesslich im Kino gezeigt werden würde. Im Gegensatz zu den Theaterschauspielern sei es ihre letztendlich in diesen Filmen fast egal, ob die sie Person auf einer Schule, durch einen Agenten, im Rotlichtmilieu oder auf der Strassen entdeckt habe. Sie allen seien in gleicher Weise mit den Grenzen ihrer selbst konfrontiert. Und oft sei es erst so, dass erst der Zusammenbruch der eigenen persölichen Barrieren dazu führe, die Basis für etwas Neues zu schaffen, das dann auch im Film als eine gelungene Szene repräsentiert werden können. Jenseits jeglichen Klischees und damit von einer Ehrlichkeit und Authentizität, die sich eben nur so im Kino neu gestalten liesse.

An den wenigen Filmausschnitten, die gezeigt wurden, sollten die Erklärungen exemplarisch vorgeführt werden. Wenn auch - welch seltsamer Zufall - unvollständig. Mag es Zufall gewesen sein oder Zensur: die Passagen wurden nicht vollständig ausgespielt und so dem Zuschauer im Publikum die Chance genommen, diese Aussage der Regisseurin auch wirklich nachzuvollziehen zu können. [2]

Von den drei Szenen war die, die nicht ausgespiel wurde, eine Liebeszene, ein zweite zeigte ein Vergewaltigung auf der Treppe eines Mietshauses, ein Dritte, wie die so Geschwängerte 8 Wochen danach von nicht weniger als 8 jungen angehenden Ärzten in einer Klinik ausgetastet wurde. Die Kamera zeigt aus der Sicht der Frau, wie einer wie der andere unter den anleitenden Augenblicken diese innere Austastung der Vagina vornimmt.

Diese Szene ist es denn auch, die am meisten betroffen macht. Und sie ist zugleich jene, die es wohl erlauben würde selbst dort angenommen zu werden, wo die Darstellung des Geschlechtsorgans per se schon als Pornographie verurteilt werden würde.

WS.

[1Was Wunder: es gab keine andere Veranstaltung, die so oft vom Festival-Leiter angepriesen wurde. Selbst ein etwas billiges „5 Euro, die sich lohnen“ war im nicht zu billig, um darauf hinzuweisen.

[2Andererseits hatten - zumindest einige im Publikum - auch nichts anderes verdient. Zumindest einer „outete“ sich als Spanner, als seine Digitalkamera bei Abfotografieren der vorgeführten Filmbilder von der Leinwand inmitten des verdunkelten Saales mit einem Blitzlicht die Szenenerie erleuchtete.