Zeiten- & Seiten-sprünge

Am Sonntag war wieder der erste Tag zu Beginn einer neuen (Sommer-)Zeit. Heute ist der erste - noch feiertägliche - Wochentag, der uns - endlich wieder - mit einem wunderbar hellen Sonnentag beglückt.

Und so sollen diesem Tag zwei kleine Reflektionen beschrieben sein, die normalerweise durch den Alltag eines allwöchentlichen Montagmorgens allzu schnell aus dem Kopf verdrängt werden.

ZEITENSPRÜNGE

Erstaunlicherweise hat das schon
an anderer Stelle beschriebene mobile Telefon sich an diesem Tag positiv ob seiner eingebauten "Intelligenz" augezeichnet. Indem es - automatisch - die Uhrzeit von Winter- auf Sommerzeit eingestellt hatte.
Gewiss, eigentlich nur eine Funktion, die als Default-Wert aktiviert und per Hand auch ausgeschaltet werden kann, und dennoch: einer der insgesamt eher seltenen Momente, die es erfreulich sein lassen, wenn ein Apparat "mitdenkt".

Erstaunlich auch, wie im Verlauf nicht eimal einer Generation "alle Welt" diese Zeitumstellung nicht nur akzeptiert hat, sondern auch in die Welt der eigenen Apparate intergriert hat. Bis auf die des eigenen Körpers.

Anstatt eines "Jet Lag" ist ein "Switch Lag" zu beklagen, der inzwischen kaum noch Gegenstand der öffentlichen Reflektion ist, wiewohl das Unwohlsein der davon Betroffenen sich in keiner Weise verringert hat. Damit sind sowohl jene Personen gemeint, denen diese Zeitverschiebung tatsächlich Beeinträchtigungen des allgemeinen Wohlbefindens hervorruft, als auch jene, die sich aus "ideologischen" Gründen über diese Massnahme nach wie vor aufregen.

Wer mehr dazu erfahren will, geht einfach mal auf die von Friedemann Ehninger in Stuttgart eingerichtete Webseite mit Beiträgen und
Links zum Thema Zeitumstellung .

Zu letzterem Punkt hier nur so viel: es ist interessant festzuhalten, dass bei aller behaupteten Machtlosigkeit der Politik hier ein Exempel für das Gegenteil statuiert wurde: ein unmittelbarer und nachhaltiger Eingriff in den Alltag des Menschen, der irreversibel zu sein scheint - und das inzwischen europaweit.

SEITENSPRÜNGE

Die letzten 24 Stunden waren mit mehr als 8 Stunden Zugfahrt ausgefüllt [1] und dieser Umstand bot die Gelegenheit, ungestört Dinge zu tun, die normalerweise absolut unmöglich erscheinen: zum Beispiel nochmals alte Zeitungen durchzuzstöbern.

Interessant an dieser Erfahrung war nicht nur die Entdeckung des einen und anderen Artikels. Interessant war vor allem diese Erfahrung eines jahrzehntealten Rituals - schon bekannt aus den Bahn-Pendeltouren in den 70er Jahren nach Paris und retour - mit den Erfahrungen, die sich durch die zunehmende Nutzung von Online-News-Services einstellen.

Es ist wirklich frappierend, am eigenen Verhalten zu erleben und nachzuvollziehen, wie die seit langer Zeit eingeübten Tätigkeiten und Rezeptionsweise durch die verstärkte - in einigen Fällen fast ausschliessliche - Nutzung der EDV zum Teil gravierenden Veränderungen unterzogen wurden.

Interessant vor allem, dass bei der Lektüre alter Zeitungen nicht mehr so sehr die Frage im Vordergrund steht, was denn zum dem Tag X am Ort Y von Interesse gewesen sein mag, sondern was davon aus der zeitlichen Sicht "danach" heute noch von Interesse geblieben ist.

Anders gesagt, man kann in die alten Zeitungen noch gucken, aber sie nicht "durchgoogeln". Und das ist - das Eigenxeperiment macht dies deutlich - durchaus nicht nur ein Nachteil, sondern auch die Bewahrung eines "Vorteils".

Der "Nachteil" ist schnell benannt: die Dursicht der alten Zeitungen weckt einen auf diesem Weg nicht direkt umsetzbaren Wunsch, ein aus der Nutzersicht gerade "aktuelles" Thema weiterzuverfolgen, indem über entsprechenden Links, Querverweise usw. dieses Thema unmittelbar weiterverfolgt, vertieft, variiert werden kann.

Der "Vorteil" ist etwas komplizierter, das als solcher zunächst alls solcher kaum noch zu erkennen: die Wahrnehmung der Komplexität von Themen und Werten, Namen und Menschen. Dieses bunte, alltägliche Panoptikum von Dingen und Ereignissen, die alle nichts miteinander gemeinsam haben, als dass sie am gleichen Tag in der gleichen Zeitung stehen, muss nicht immer nur ein Nachteil sein. Sie zu erleben, das Springen von Kolumne zur Kolumne, von Seite zu Seite, von Teil zu Teil, kostet Zeit - und Nerven.

Nach mehreren Stunden einer solchen Lektüren-Suche ist man fast benebelt von dem Allzuvielen, dass einem alles irgendwie interessant vorkommt und doch nicht wirklich mehr vom Kopf und in den Sinnen aufgenommen wird. Schliesslich hat man ein Reihe von Texten und Bildern gefunden, die einen - warum auch immer - angesprochen haben mögen. Aber die Auswahl dieser ist bereits so energieheischend gewesen, dass dann kaum noch die Musse besteht, das Ausgesuchte auch wirklich in Ruhe und konzentriert lesen zu könnne. Und dennoch - seltsam genug - ist diese verlorengeangene Zeit gespickt mit peripheren Eindrücken, die uns gewissenmassen gezwungen haben, die "Welt" mit Themen uns Perspektiven zu erleben, die uns sonst so nicht in den Sinn gekommen wären.

Das hat was. Ohne dass sich ein wirklicher Mehrwert wirklich schlüssig begründen liesse - oder?

WS.

[1Siehe dazu auch den
Eintrag vom 26. März .