F[L]ICK-COLLECT[ION]

Nein, niemand wird mit diesem Titel beleidigt. Aber was da bis zum 28. März dieses Jahres im "Hamburger Bahnhof" in Berlin ausgestellt wurde, will die Provokation. Und die Zur-Schau-Stellung von Genitalien und Geschlechts-Akten aller Art war dabei nicht einmal der Höhepunkt solch provokativer Darstellungen.

Der eigene Besuch am letzten Öffnungstag begann mit einem eigentlich ganz unspektakulären Vorfall, der dennoch in seiner unmittelbar erlebten "Wahrheit der Wirklichkeit" vieles des danach besichtigten mehr oder minder verfremdeten "Realismus" in den Schatten zu stellen vermochte. Denn schon die Anfahrt zur Sammlung Flick und die damit verbundene Parkplatzsuche geriet zu einem Ereignis, das in einem seltsamen Zerrbild die allgemein angenommenen moralischen Werte auf den Kopf zu stellen vermochte.

Dieses Erlebnis führte dazu, dass die Stimmung schon vor dem Betreten des Gebäudes in eine seltsame Spannung hineingezogen wurde, die auf einer ganz anderen Ebene die ganze Diskussion um diese Ausstellung und ihren Sammler begleitet hatte. Denn auch bei diesem kleinen Ereignis kam es dazu, dass letztendlich nicht diejenige Person diskriminiert wurde, die moralisch falsch gehandelt hatte, sondern vielmehr diejenige, die auf diese Unrecht aufmerksam gemacht hatte.

In beiden Fällen - und mögen sie noch soweit auseinanderklaffen und scheinbar nichts miteinander zu tun haben, ging es um das gleiche Thema: die Verkehrung von Täter- und Opfer-Rolle.

Dieses Erlebnis bei der Parkplatzsuche war wie exemplarischer Fingerzeig auf eine neue drohenden Unzeit, die in diesem Moment schon längst Wirklichkeit geworden war, während gerade noch über die Überwindung der Schatten der Vergangenheit öffentlich gestritten wurde.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Auf der Suche nach einem Parkplatz gelang es durch glückliches Timing, gerade noch den letzten freien Park-Raum zu ergattern, ohne dass ein dahinter oder davor stehender eingeparkter Wagen nicht mehr hätte vom Platz bewegt werden können.

Und dann kommt nachfolgend noch PKW angefahren und die Fahrerin stellt diesen ohne zu zögern so ab, dass nunmehr die Ausfahrt eines anderen Wagens offensichtlich versperrt wird.

Als die Fahrerin aussteigt, den Wagen verschliesst und offensichtlich gehen will, wird sie darob zur Rede gestellt. Als Antwort windet sich die so angesprochene Frau sich mit den absurdesten "Erklärungen" heraus. Aber sie macht keinerlei Anstalten, ihren "falsch" geparkten Wagen wieder aus dieser Position zu entfernen.

Da erscheint eine zweite Dame auf dem Parkplatz. Sie geht auf ihren Wagen zu - und der Zufall will es, dass sie ihr Weg genau auf jenen Wagen zuführt, der so rücksichtslos eingeparkt wurde.

Beide erkennen die Situation. Und etwas föllig unerwartetes geschieht: die Geschädigte wird von der Beschuldigten zur Hilfe gerufen, um sich besser gegen die an sich gerichteten Anschuldigungen wehren zu können.

Absurd, aber wahr: die beiden Damen verbünden sich gegen die Unbotmässigkeit der geäusserten Entrüstung. Und: Sie "verbrüdern" sich gegen jenen Mann, der da öffentlich auf das unrechmässige Verhalten der Falschparkerin hingewiesen hat: Er sei der eigentliche Störenfried, da er das entstandene Unrecht öffentlich gemacht und die Verursacherin zur Rede gestellt habe - und nicht die Urheberin des Unrechts.

Was für eine Situation, welch ein nicht zu überbietender Realismus. Selbst nach dem Museumsbesuch und all den dort dargebotenen Szenerien bleibt diese Parkplatz-Szene als die Erinnerung dominierendes Ereignis präsent: als weit amoralischer als das, was das Museum an Provokation aufzubieten vermocht hatte.

Was für eine Einstimmung zum Besuch der
Flick Collection .

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Intrare Licet:

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Der erste Blick in die "Historische Halle": ein fürchterliches Durcheinander, durch das man nur entgeistert hindurchschreiten kann. "Hämoriden-Kunst", wie es Jason Rhoades selber nennt, deren Wirkung und Wert erst nach mehrmaligem Vorbeigehen und Hinsehen erfahrbar wird: zumal als auf dem Rückweg nicht mehr das Sonnenlicht, sondern das Eigenlicht der Gegenstände das Gesamt-Kunstwerk zum Erleuchten bringt.

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Gleich dahinter stehen die nächsten beiden "Provokation": ein Apfel-Kopf-Weibchen und ein Apfel-Kopf-Männchen. Ein Paar?

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Dahinter findet sich, wie in einer Zirkusbuden-dunkelkabinettskammer das "Saloon Theater", in dem in einer Mischung von verzweifelt lüsternden Stimulationen und provokatorischer Einsamkeit die Männer ihr Gemäch schwenken und die Frauen ihren Hintern.
Ein der Besucher der gerade aus den Schwenkflügelntüren des nachgebauten Saloons heraustritt sagt: "das habe ich auch zuhause - und hier soll das Kunst sein?"
Im am Ende des langen Ausstellungsganges vorgeführten rbb-arte-Film ist vor eben diesen Bildern dann der Sammler Flick selbst zu sehen. Inmitten der Projektion dieser bewegten Bilder lobt er die provokatorische Kraft gerade dieser Arbeit als ein hervorragendes Kunst-Werk, das ihn sogleich begeistert habe.

Diese Aussage ist zu hören und zu sehen am Ende einer langen, langen Ansammlung von weissgetünchten Lagerräumen, den Rieckhallen, in denen viele der weiteren Exponate ausgestellt werden.

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Der Monitor ist so geschickt platziert, der Film hervorragend gemacht. Er lässt bei aller Kommentierung immer auch das selbst Gesehene nochmals zu Wort und ins Bild kommen. Er fasst zusammen und bricht so die eigenen Eindrücke wider an den Aussagen ihrer Urheber und Vermittler.

Auf der dem Monitors gegenüberliegenden Seite: die letzte der Ausstellungshallen. Als einzige in ihrer ursprünglichen Gestalt belassen und mit Monitoren und einer Videowall die Installation "Delphine" von Diana Thater präsentierend.

Das faszinierende dieser Installation: die gleich vorn am Eingang aufbebaute Steele aus drei mal drei Monitoren, auf der eine lichtblühend blau wabernde Sonne zu sehen ist - und die durch das Oberlicht einen kurzen Moment lang von der realen Nachmittagssonne als Kontrapunkt - jenseits aller kuratorischer Kunst-Kniffe - fast aufgeblendet wird.

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Auf der anderen Seite findet sich das letzte einer ganzen Reihe von 93 kleinformatigen Gemälden des Schweizer Künstlers Jean-Frédéric Schnyder "Wartesäle" genannt, mit dem bereits diese kurze Schilderung von Eindrücken dieses persönlichen Rundganges abgeschlossen werden wird :-(

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WS.

Zu guter Letzt: das Auto-ren-portrait
aus der Halle 4 unter der Überschrift
"HIER UND JETZT ZUFRIEDEN SEIN"

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