... Glück gehabt?

Heute trifft in der elektronischen Post ein Newsletter der etwas anderen Art ein. Mit dem vierten Teil eines Textes zum Thema "Flow oder die Erfahrung des Glücks", der hier im Anhang einfach mal "zum Besten" gegeben wird.

Anlass für die Aufnahme dieses Textes in "DaybyDay" ist das nachfolgende Zitat, mit dem diese Darstellung abschliesst:

" ... können wir Glück nicht dadurch erreichen, dass wir uns wünschen glücklich zu sein - Glück stellt sich als nicht beabsichtigtes Ergebnis des Arbeitens auf ein Ziel hin ein, dass größer ist als der Mensch selbst."

Macht also eine schwarze Zahl am rechten unteren Ende eines Excel-Sheets nicht glücklich, zumal dann, wen man bewusst und lange auf dieses Ziel hingearbeitet hat - oder macht Geld (doch ;-) nicht glücklich?

Der amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi war einer der ersten Wissenschaftler, der über die Glückserfahrung des völligen Eingebundenseins und des Aufgehens in einer Tätigkeit zu forschen begann. Dieses Einssein mit dem eigenen Tun nannte Csikszentmihalyi flow (fließen, strömen). Die gerade anstehende Aufgabe nimmt uns mit ihrer Komplexität so sehr gefangen, dass wir vollständig darin aufgehen. Es gibt keine Scheidung zwischen Gedanken und Handlung, zwischen Selbst und Umgebung.

Weitere jahrelange Forschungen förderten acht Komponenten zutage, die mit dem flow-Erleben verbunden sind. Ihr relativer Anteil kann schwanken.

In den letzten drei Newsletter haben wir die ersten sechs Komponenten der flow Erfahrung vorgestellt. Hier sind die nun die letzten beiden und damit der Abschluss unserer Reihe über flow.

7. Das Zeitgefühl ändert sich

Ein typisches Kennzeichen des flow Erlebnisses ist die veränderte Zeiterfahrung: Vielfach wird Zeit als rasch verfliegend wahrgenommen. Ein Schachspieler sagt in diesem Zusammenhang: „ die Zeit vergeht hundertmal schneller. So gesehen, ähnelt sie einem Traumzustand. Eine ganze Geschichte kann sich, wie es scheint, in Sekunden entfalten.“ Manchmal tritt aber auch genau das Gegenteil ein: dann scheint die Zeit nicht zu schrumpfen, sondern sich eher auszudehnen. Der Autor Peter Davison meint: „Fünf Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit für ein entstehendes Gedicht sind länger, als eine nach Stunden gemessene Woche.“

Die Geschwindigkeit, die mit der die Zeit verstreicht, ist abhängig davon von der Zielgerichtetheit der Gedanken. Dass wir von dem Satz ausgehen, alle Zeitintervalle seien gleich, liegt daran, dass wir die Uhr erfunden haben, die Zeit so misst als ob das wirklich der Fall wäre - 60 Sekunden in der Minute, 60 Minuten in der Stunde. In Wahrheit erfahren wir Zeit viel subjektiver, so dass sie manchmal rascher und manchmal langsamer zu vergehen und manchmal stillzustehen scheint. Im Zustand des flow passt sich das Zeitgefühl der Aktivität an, der wir grade nachgehen. Wir haben es also in der Hand, wie wir das Verstreichen der Zeit subjektiv erfahren.

8. Das Aussetzen des Ich-Bewusstseins

In vielen der bisher zitierten Schilderungen des flow Erlebnisses war davon die Rede, dass man, eingetaucht in diese Erfahrung, dazu neigt, nicht nur die eigenen Probleme und das eigene Umfeld, sondern sogar das eigene Selbst zu vergessen, als wäre die Selbstwahrnehmung zeitweise ausgesetzt. Auch das ist ein Ergebnis einer intensiven Zentrierung der Aufmerksamkeit.

Die westliche Gesellschaft unterscheidet sich von allen übrigen Kulturen der Welt dadurch, dass sie Individualität und Autonomie so stark betont und das Selbst gedanklich von seinem sozialen Hintergrund trennt. Unser Alltagsleben bietet uns kaum Gelegenheit einer Entität anzugehören, die größer ist als wir selbst, und auch dann häufig nur in Situationen, in denen wir passives Publikum sind, z.. B. Konzert, Sportveranstaltung, Kino, politische Versammlung. Das Transzendieren der Individualität, wie es durch das flow Erlebnis möglich wird, bietet uns mithin die seltene Chance, uns aktiv auf etwas einzulassen, das größer ist als das Selbst, ohne auf das vorhandene Potential im Bereich des Geistes, des Körpers und des eigenen Willens zu verzichten. Während wir unser Selbst für die Dauer des flow Erlebnisses in der Regel vergessen, kehrt das Selbstwertgefühl im Anschluss an diese Erfahrung stärker als zuvor wieder. Wie schon Viktor Frankl anmerkte können wir Glück nicht dadurch erreichen, dass wir uns wünschen glücklich zu sein - Glück stellt sich als nicht beabsichtigtes Ergebnis des Arbeitens auf ein Ziel hin ein, dass größer ist als der Mensch selbst.

* Mihaly Czskszentmihalyi. Flow im Beruf. Das Geheimnis des Glücks am Arbeitsplatz. Klett-Cotta, zweite Auflage 2004