Pre NAB 05
American Diary

In den nächsten Tagen wird „DaybyDay“ nach der CeBIT zum zweiten Mal einen Themenblock zum Gegenstand haben. Anlass ist die diesjährige
NAB in Las Vegas.

Dieser Aufenthalt ist der erste, der nicht im Kundenauftrag durchgeführt wird. Das mag vielleicht auf den ersten Blick etwas teurer kommen, aber er bietet auch eine Reihe neuer Möglichkeiten und Freiheiten, über die hier skizzenhaft berichtet werden wird.

Dennoch: diese Freiheiten der „Berichterstattung“ werden nicht unbegrenzt bleiben. Gerade weil sich viele der Menschen, denen ich hier zu ersten Mal begegnet bin, sich mit eíner geradezu erstaunlichen Offenheit und Auskunftsfreudigkeit geäussert haben.

- Im Flug nach Washington DC sitzt neben mir der Geschäftsführer eines grossen schwedischen Unternehmens. Und am Ende des Fluge erhalte ich nicht nur einen guten Einblick nicht nur in sein Tätigkeitsfeld, Vertragsrecht, sondern auch über die Arbeit einer Reihe von weiteren Abteilungen, namentlich der Leute vom Marketing.

- An der Immigration in Washington DC kommt es zu einem Erlebnis von geradezu "doppeltem Glück", wie man im Chinesischen sagen würde: für die Transitgäste gibt es eine Kontrollstelle, die eigenständige von der Einreisekontrolle in der Haupthalle geführt wird, was zur Beschleunigung der Abwicklung erheblich beiträgt.
Und dann kommte es zu einem "Verhör" von gut und gerne 20 Minuten, das ganz und gar das Gegenteil von dem ist, was man sich heute von einem solchen Gespräch vorstellen mag. Da der letzte in der Wartschlange und da es ein offensichtliches gegenseitiges Interesse an der Person des Anderen gab, kam es zu einem Austausch von Lebensgeschichte und -Erfahrngen, die weit über das formal notwendige hinausgingen und doch nicht den Eindruck einer Strategie erweckten, hier durch besonders freundliches Auftreten eine besonders intime Re-Präsentation der interviewten Person zu erhalten [1].

- Im Flug von Washington DC sitzt neben mir ein Mann von ca. 30 Jahre - 33, wie er später selber sagt - und beginnt nach und nach zu erzählen, die von mir aufgegriffenen Stichworte mehr und mehr auszufüllen und selbst neue Themen ins Spiel zu bringen.
Er hat sich im Norden der Hauptstadt ein Haus mit Grundstück gekauft - er benennt mir im Verlauf der 4 Stunden Unterhaltung alsbald auch den Preis - und berichtet darüber, dass er nun jeden Tag über eine Stunde braucht, um in die Stadt hinein und abends jeweils wieder herauszufahren. Dennoch bedauere er diese Strapaze nicht wirklich: sein Sohne solle ohne all diesen Bedrohungen einer grossen Stadt aufwachsen und er selber komme auch aus einem Haus, in dem die Nähe zur Natur für sein Leben prägend gewesen sei.
Ja, auch er habe noch vielen Verbindungen mit Deutschland, auch wenn er diese bislang nur unzureichend genutzt habe. Sein Name - der hier verschwiegen wird - sei deutschen Ursprungs und es würde ihn eigentlich sehr interessieren, welche Vorfahren sich noch alle dahinter verbergen würden. Er habe den Vornahmen seines deutschen Grossvaters übernommen, nachdem vor ihm nur Mädchen geboren worden seien: Und zu dessen höchsten Freude sei er auch noch an dessem Geburtstag zur Welt gekommen.
Im Verlauf der 4 Stunden reden wir auch viel über seine Arbeit als Informatiker, seine besondere Ausrichtung auf die Entwicklung virtueller Szenarien und Charaktere und seinen Arbeitgeber, das Pentagon. Er berichtet von den Reaktionen einige Bekannter, die ihn ob dieses Engagements versucht haben, zu verunglimpfen und er nimmt für sich in Anspruch, dennoch eine gute Arbeit im Sinne eines guten Zieles zu verrichten. Ja, im Herzen seinen Wesens, sei er eigentlich ein Künstler und aktuelle Programm wie Maya gäben ihm grosse Freiheiten, dieses auch immer wieder neu umzusetzen.
Dabei käme ihm zu Gute, dass zwar die Zielvorstellungen seiner Auftraggeber klar umrissen seinen, er aber sehr selbständig an dem Weg dahin arbeiten könne. Wer können heute schon noch unter solche privilegierten und gesicherten Verhältnissen arbeiten? Einige seiner Freunde hätten sich für 4 Jahr fest verpflichtet und dafür aber weitere 4 Jahre einer Ausbildung aus staatlichen Mitteln finanziert bekommen. Einen seiner besten Freunde habe es dann aber auch erwischt, denn kaum einer, der von diesen Vorteilen zu profitieren sich entschlossen hat, hatte wirklich jemals ernsthaft den Wunsch, für seinen Arbeitgeber und Mäzen auch in den Krieg ziehen zu wollen.
Am Schluss zeige ich ihm auf meinem Rechner einige Bewegtbilder aus der diesjährigen Ausstellung der transmediale und Mitschnitte aus aktuellen TV-Sendungen, deren DVB-T-Signale direkt in meinem Rechner empfangen und abgelegt werden konnten. Und wir reden letztendlich doch auch anhand dieser Bilder über unsere konkrete Arbeit. Und ich zeige ihm kurze Filmausschnitte aus Matrix und der HFF-Friedrich Wolf, in der jeweils das Element des Helligkeit als Mittel der Blende und Transits von einer Welt in eine andere genutzt wird. An diesem Punkt wurde er schliesslich sehr konkret: ja, sie würden solche Elemente des "White Whipeouts" auch gerne als gestalterisches Mittel einsetzen. Vor allem wenn es darum geht, die Folgen der Bombenabwürfe zu illustrieren.

- Später wird der Techniker, der auf meinen Wunsch hin eine kleine Lautsprecheranlage für die Konferenzschaltung im NAB-Pressezentrum aufstellt, von seinem Verbindungen nach Deutschland erzählen und von seiner Frau, die er dort kennengelernt habe, als sie für die US-Militärs als Übersetzerin gearbeitet habe und mit der er heute in Las Vegas lebe: und das er früher weit gemehrt geschätzt habe als heute, wo das Corporate America regieren und nicht mehr wie früher die Mafia [sic!].

- Und dann werde ich den Sicherheits-Mann vor dem Hilton kennenlernen, der den Parkplatz bewacht und mich fragt, ob ich in Deutschland auch Schwarze als Freunde habe und der mir von seinem Bruder berichtet, der noch in Deutschland leben würde: und der mich fragt, ob die Deutschen die Amerikaner hassen würden.

- Und schliesslich wird es im Hotel eine Begegnung mit jener Frau gegeben, die bei der telefonischen Buchung plötzlich auf Deutsch umgeschaltet hatte; sie ist in der Nähe einer deutschen US-Militärbasis gross geworden ist und lebt heute ebenso wie ihre Schwester in den USA, während die Mutter in Deutschland gerade in ein Krankenhaus verbracht werden musst. Ob sie nochmals nach Deutschland zurückkehren wollen? Die Antwort ist ein klares "Nein".

WS.

[1Es sei denn, die ganze Szenerie wird nicht nur von Kameras, sondern auch von entspechend dafür eingerichteten Mircos eingefangen