Post NAB 05
Back in the GDR

Washington, Sonntag, 17.25 Uhr lokaler Zeit, Boarding auf dem LH Flug 419.

Noch vor dem Eingang in den Flieger werden die deutschen Sonntagszeitungen ausgelegt. Ganz oben auf liegt die WELT am SONNTAG. Auf dem Cover winkt der neue Papst mit zwei erhobenen Händen. Der Titel unter diesem Bild lautet: „500.000 Pilger feiern Benedikt XVI“.

Als in Las Vegas bekannt wurde, dass der neue Papst ein Deutscher sein würde, wurde ich von Vielen, auch Unbekannten angesprochen, die auf meinem Namensschild meine Nationalität ausgemacht hatte. Einige begrüssten mich sogar mit freudigem Händeschütteln und -klatschen, so, als hätten die Deutschen das erste Mal im "Super-Ball" gewonnen.

Jetzt ist es das erste Bild, das von der Titelseite entgegenschlägt. Eigentlich wäre noch Platz genug gewesen um zu schreiben: „500.000 Pilger feiern mit Benedikt XVI“.

Rechts vom Papst findet sich ein Foto Helmut Kohls. Und darunter der Hinweis, dass er eine neue Lebensgefährtin gefunden habe. Mehr dazu könne nachgelesen werden unter „Vermischtes“, auf Seite 15.

Links vom Papst-Bild findet sich ein Artikel, mit der Überschrift: „Kapitalismus: SPD für schärfere Gesetze. Wirtschaftsberater drohen Schröder mit Rücktritt“. Offensichtlich soll der Parteivorsitzende unter anderem den Satz gesagt haben, der da lautet: „Den Kapitalismus mag ich nicht“ - und laut einer Infratest-dimap-Umfrage im Auftrag der ARD sollen zwei Drittel mit Müntefehring übereinstimmen, wenngleich auch knapp drei Viertel davon ausgehen, dass eine solche Aussage im direkten Zusammenhang steht mit dem Versuch, dass die SPD ihre Chancen bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 22. Mai zu wahren versucht.

Nun ist das Geschrei gross. Das "Handelslbatt" zitiert den Lufthansa Aufsichtsrat Jürgen Weber, der angesichts solcher Kapitalismuskritik indirekt damit droht nicht mehr für die Aktivitäten von „Invest in Germany“ zur Verfügung zu stehen [1]

Schaut man über das Papst-Bildnis auf den oberen Rand der Zeitung, so findet sich dort ein roter Punkt auf dem für den Preis von 6 Euro 60 auf das Blatt inklusive DVD angeboten wird. Der Titel der heutigen Ausgabe: „Aufstieg und Fall des Kommunismus. Von der Ermordung des Zaren bis zum Fall der Mauer“.

In der Ausgabe, die den Lufthansa-Gästen in Washington angeboten wird, ist keine DVD beigelegt worden. Stattdessen gibt es das Bild von dem Papst mit den erhobenen Händen gleich noch ein zweites Mal, auf Seite 76. In diesem Foto ist ein kleiner TV-Monitor eingeblendet und auf dem ist weiss auf schwarz geschrieben „Jede Branche hat ihre Nummer eins“.

Das Ganze ist eine Anzeige von „Deutschlands Nachrichtensender Nummer eins“ der den Leser dazu auffordert, den Sender N24 auf seiner Fernbedienung „weiter nach vorne“ zu programmieren.

Frankfurt am Main, 8.10 Uhr, Boarding für Flug 174 nach Berlin. Die Montagsausgabe der WELT ist wie die vom Sonntag: mit einem Bild des - dieses Mal von Menschen umjubelten - Papstes.
Links daneben ein Collage mit Portraits von Luther, Goethe, Bismarck und Adenauer und ein Hinweis auf die Sonderbeilage BILDUNG in der über das Geschichts-Wissen der Deutschen Auskunft gegeben wird.
Das Handelsblatt hatte zuvor die gleiche Reihe als die der illustren Klassiker zitiert, mit Marx, Engels, Lenin und - als vierten im Bunde - Müntefering.

Deutschland bricht auf - in die Vergangenheit.

Die BRD hat mich wieder, dabei bin ich noch gar nicht angekommen.

WS.

PS. Als Reaktion auf diese Zeilen kommt der Hinweis auf die BILD-Schlagzeile "WIR SIND PAPST" - die offensichtlich und doch wohl unwissend auf die Traditionen zu Beginn des letzten Jahrtausends einging, in denen ein deutscher Herrscher gleich drei Päpst absetzte um einen gewissen Benedikt an deren statt zu inthronisieren - und der dann nach gerade Mal 9 Monaten, offensichtlich von seinem italienischen Widersacher vergiftet, das Zeitliche segnete und nun im Bamberg begraben liegt - und die Reaktionen in der Blogger-Szene dazu [2]

[1"Wenn sich herausstellt, dass die Kapitalismuskritik grundsätzlicher Natur ist und die wirkliche Einstellung der politischen Elite in Deutschland reflektiert, dann braucht man keine Organisation "Invest in Germany" mehr."

[2Siehe dazu
SPIEGEL ONLINE vom 26. April, 9:36 - denen an dieser Stelle herzlich zu "Zehnjährigen" gratuliert werden soll!