Copy’n Paste

Heute wird nachgelesen, kopiert, als Bericht eingestellt und an den Urherber Gianluca Neri zurückgeschickt:
Der Bericht von Oliver Meiler über das in Mailand redigierte Weblog Macchia Nera
"Schwarzer Fleck" aus der von uns abonierten Berliner Zeitung, ganz ohne jegliche:

Geheime Details unter schwarzen Balken

ROM, 3. Mai. Es ist dies die Stunde des Ruhms für Gianluca Neri, 33 Jahre alt, freier Journalist in Mailand und Betreiber eines eigenen Weblogs, eines Tagebuchs im Internet. Sie rennen ihm die Bude ein: Fernsehstationen aus aller Welt interviewen ihn, Radios schalten ihn live zu, Zeitungen schicken Reporter. Dabei hat Neri nur gemacht, was jeder halbwegs geschulte Besitzer eines Computers auch könnte: Er ging ins Internet, markierte dort ein Dokument, kopierte und öffnete es darauf in einem herkömmlichen Textverarbeitungssystem.

"Copy & paste", nennt sich das im Computerenglisch. Englisch war auch der Text, den sich Neri vornahm. Gefunden hatte er ihn auf der Homepage der alliierten Streitkräfte im Irak. Es war der US-Untersuchungsbericht zum mysteriösen Fall von Nicola Calipari, dem italienischen Geheimdienstagenten, der am 4. März an einem US-Checkpoint in Bagdad im "friendly fire" der Amerikaner getötet worden war. Jener Bericht also, den die Italiener nicht unterzeichnen wollte, weil er ihnen die ganze Schuld am "tragischen Unfall" unterstellte.

Etwa ein Drittel des Berichts war von US-Militärzensoren eingeschwärzt. Dicke Balken verdeckten die Namen der US-Soldaten, deren Einsatzregeln an der Straßensperre und Angaben zu ihrem Ausbildungsstand - demnach waren die Soldaten vor ihrer Ankunft im Irak gar nicht für den Einsatz an Kontrollpunkten ausgebildet worden. Auch die Kommunikationsprobleme mit dem US-Headquarter während der fatalen zwei Stunden und die Gefahren auf der "Todesstraße" zu Bagdads Flughafen waren geschwärzt, ebenso wie Angaben über die Zahl der Angriffe Aufständischer in der Region Bagdad. Kurz: Es war Stoff, der nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollte.

Neri also kopierte den Text, weil er neugierig war, wie er in der Zeitung Il Riformista schreibt, ob die Amerikaner tatsächlich so blöd waren, das Dokument unverschlüsselt ins Netz zu stellen. "Ja, sie waren es." Die schwarzen Balken verschwanden im Word-Dokument, die Namen schienen auf. Die Amerikaner hatten den darunter liegenden Text einfach nicht gelöscht. Neri fragte einen Anwalt, ob er etwas Verbotenes täte, würde er den entschlüsselten Bericht veröffentlichen. Dann rief er Zeitungen und Nachrichtenagenturen an. Und genoss den Ruhm.

"Bedauerlicher Fehler"

Das Pentagon war erzürnt, verweigerte vorerst eine Stellungnahme, vermutete dann einen anonymen Informanten aus dem US-Verteidigungsministerium, der den Italienern die peinliche Geschichte gesteckt haben könnte. Die Story nahm die Konturen eines Thrillers an. Neri erhielt noch einen Anruf aus dem italienischen Außenministerium, das sich ebenfalls vergewissern wollte, ob da nicht doch mehr dahintersteckte als die Spielereien eines bis dahin unbekannten Bloggers aus einem Mailänder Vorort.

Das amerikanische Massenblatt USA Today telefonierte und merkte halb belustigt an, das sei doch eine typisch italienische Sache, die den Amerikanern da unterlaufen sei. Darauf meldete sich wieder der Sprecher des Pentagon und sprach von einem "bedauerlichen Fehler" der Kollegen im fernen Bagdad. Die nahmen den Link rasch vom Netz.

Neri, Verfasser satirischer Texte, lacht. Auf seiner Homepage Macchia Nera (schwarzer Fleck) feiert die Bloggerszene ihren Triumph über die konventionellen Medien. Neri sagt: "Ich war vielleicht nur etwas schneller als die andern." War er das? Die globalisierungskritische Agentur Indymedia publizierte die Zensur schon, da schlief Neri noch.

© 2005 BerlinOnline Stadtportal GmbH & Co. KG, 04.05.2005